Von Wehrhart Otto

Sie beginnt das Gespräch unsicher, weil sie nicht verstehen kann, was an ihr und ihrem Leben Mitteilenswertes sei. Sie möchte nicht, daß ihr Name genannt wird und sie sich abhebt von Kolleginnen und Bekannten, als eine, „die in der Zeitung steht“. Nennen wir sie Annemarie Jakob.

Kennengelernt habe ich sie vor zwei Jahren. Der „Kaufhof“ suchte für ein Außenlager in einem Hamburger Bezirk einige Werkstudenten. Wir kamen zum ersten Male ins Gespräch, als sie mir beiläufig sagte, daß sie als feste Kraft 3,30 Mark netto verdiene. Wir Werkstudenten erhielten vier Mark netto die Stunde.

Wir führten unser Gespräch in ihrer behaglich eingerichteten Drei-Zimmer-Neubauwohnung im Hamburger Vorort Lurup fort. Frau Jakob ist fünfzig Jahre alt; man könnte sie für vierzig halten. Im Herbst 1967 hat sie als Lagerarbeiterin beim „Kaufhof“ angefangen. Sie sortiert die angelieferte Ware, zählt sie, zeichnet die Preise aus und verpackt die Artikel für den Transport ins Stadtgeschäft. Mittlerweile braucht sie nicht mehr mit schweren Paketen zu hantieren; sie ist vor kurzem zur Sachbearbeiterin aufgestiegen und ins Angestelltenverhältnis übernommen worden. „Arbeiten konnte ich schon immer“, meint sie mit leisem Stolz. Aber sie weiß auch, daß es eine weitere Stufe für sie nicht gibt.

Anfangs bekam sie 600, heute verdient sie 700 Mark brutto; das sind 540 Mark netto im Monat. Davon gehen ab: 210 Mark für Miete, 25 Mark für die Lebensversicherung, dazu Feuer- und Hausratsversicherung und die jeweilige Kreditrate. Fast hundert Mark verbraucht der jüngste Sohn, der zur Zeit bei der Bundeswehr ist, am Wochenende aber sein Zimmer zu Hause bezieht. Zum Leben bleiben für Annemarie Jakob, von festen Kosten und notwendigen Anschaffungen abgesehen, etwa hundert Mark monatlich übrig.

Die Wohnung ist zu teuer für sie; darüber ist sie sich klar: „Wenn ich mal nicht mehr arbeiten kann, dann werde ich auch hier nicht mehr wohnen können. Aber ich weiß, wofür ich arbeite.“ 1954 hatte sie sich von ihrem Mann scheiden lassen. Dann dauerte es zehn Jahre, bis sie sich mit einer bescheidenen Erbschaft in eine Baugenossenschaft einkaufen konnte. So lange hatte sie mit den beiden Kindern ein kleines Zimmer bewohnt, abgetrennt von der (Dienst-) Wohnung ihres geschiedenen Mannes.

„Meine Ehe war von Anfang an ein Mißgriff gewesen. Ich habe es aber trotzdem noch fünfzehneinhalb Jahre ausgehalten. Dann war das Maß voll, da konnte ich nicht mehr“, sagte sie. Der Gedanke, „geschieden“ zu sein, war ihr trotz allem so unerträglich, daß nur das Zureden ihres Vaters sie zur Entscheidung bringen konnte. Er wollte ihr die Kinder abnehmen, während sie wieder zu arbeiten anfing. Vier Wochen nach der Scheidung fiel ihr Vater auf der Straße um, Herzinfarkt. Jetzt stand sie da: mit zwei Kindern und einem Beruf, den sie seit zwölf Jahren nicht mehr ausgeübt hatte.