Von Karoll Stein

Nach einem halben Jahr der Agonie hat die „Deutsche Gesellschaft für Bildende Kunst (Kunstverein Berlin) e. V.“ in der vergangenen Woche ihren Geist aufgegeben. Alle Versuche, sich doch noch aus eigener Kraft zu verjüngen, das heißt sich zu demokratisieren, scheiterten am Widerspruch innerhalb der eigenen Reihen, des Vorstands und der 30 ordentlichen Mitglieder. Ein liberaler Satzungsentwurf von Dr. Otto Mertens, der, so sollte man meinen, als Diskussionsgrundlage für alle Gruppen hätte akzeptabel sein können, fand nicht die Zustimmung der ordentlichen Mitglieder. Mertens trat daraufhin vom Vorstand zurück, gefolgt von der Journalistin Karena Niehoff. Die Zusage zu einer Hauptversammlung, auf der die vorliegenden Satzungsentwürfe hätten diskutiert werden sollen, wurde kurzfristig und ohne plausiblen Grund zurückgezogen. Statt dessen tagten am 14. Juli die ordentlichen Mitglieder, um über die Liquidation des Vereins zu befinden.

Da an der Selbstaufgabe des Kunstvereins kaum noch zu zweifeln war, hatten die ehemaligen Vorstandsmitglieder Dr. Mertens und Karena Niehoff zusammen mit der „Aktionsgruppe“ und acht Berliner Kunstkritikern die fördernden Mitglieder zu einer außerordentlichen Hauptversammlung am 11. Juli eingeladen. (Die Chronologie spielt bei dieser Berliner Groteske um eine Institution, die, als es ans Sterben ging, noch mit einer Mißgeburt niederkommen mußte, eine entscheidende Rolle.) Man beschloß die Gründung einer „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“, vertagte aber die Annahme einer Satzung und die Wahl eines Vorstands, um den scheintoten Kunstverein mit Anstand verscheiden zu lassen. Leichtsinnige Gutgläubigkeit! Die geheime Kabinettspolitik, an der sich die Kritik am alten Kunstverein entzündet hatte, fand ihre Fortsetzung mit einem Stückchen, das sich nur als Gangsterkomödie beschreiben läßt und das hoffentlich ein kurzer Zwischenakt in der Berliner Kulturpolitik bleiben wird.

Am Dienstagvormittag (dem 15. Juli) präsentierten sich der Berliner Presse sieben Herren als „Neuer Berliner Kunstverein“, bereits mit einer Satzung versehen und im Vereinsregister eingetragen. Die Überraschung war perfekt, vor allem darum, weil drei der Herren (von Wenzel, Langhammer und Wiesler) in jener Hauptversammlung zugegen gewesen waren und dort, direkt befragt, umlaufende Gerüchte mit Antworten zerstreut hatten, die man euphemistisch allenfalls als Halbwahrheiten bezeichnen kann. Es spricht dazu nicht eben für die Seriosität des Unternehmens, daß sich sein Vorstands- und Gründungsmitglied Langhammer gleichzeitig in den Liquidationsvorstand des alten Kunstvereins wählen ließ. Erst massive öffentliche Kritik bewog ihn, den Job des Liquidators aufzugeben.

Wenn dieser Miniaturkunstverein bisher auch noch keine Mitglieder aufzuweisen hat, so doch recht aufschlußreiche personelle Beziehungen. Sein Präsident, der Journalist Hans Wallenberg, läßt Verbindungen zum Hause Springer immerhin vermuten; Borislaw von Wenzel ist Mitglied der Jungen Union und persönlicher Referent von Peter Lorenz, dem Vorsitzenden der Berliner CDU. Die selbstgebastelte Satzung hält am traditionellen Modell des Kunstvereins im 19. Jahrhundert fest. Um die biedermeierliche Beschaulichkeit zu sichern und sich vor Unterwanderung zu schützen, hat man die Studentenermäßigung, die sogar der alte Kunstverein gewährte, aufgehoben. Und vorsichtshalber hat man die Künstler, die sich in letzter Zeit so aufmüpfig gezeigt haben, mit dem Argument, sie seien nicht frei von subjektiven Interessen, von allen Entscheidungsgremien ausgeschlossen – als ob Kunstsammler oder Politiker keine subjektiven Interessen zu vertreten hätten, Künstler jedoch grundsätzlich in die eigene Tasche wirtschafteten. Mit dieser Unterstellung hat sich der „Neue Berliner Kunstverein“ den Zorn derjenigen zugezogen, auf die er doch wohl angewiesen ist; bereits mehr als fünfzig Künstler haben zum Boykott aufgerufen.

Die „kunstinteressierten Bürger“, von denen der „Neue Berliner Kunstverein“ pathetisch spricht, auch wenn er sie wohl kaum für seine Ziele gewinnen wird, sie fanden sich am Dienstagabend zuammen, um ihren Beschluß zur Neugründung dennoch zu realisieren. Mit etwa dreihundert Anwesenden wurde in fünfstündiger Diskussion eine Satzung auf der Grundlage des Entwurfs der Aktionsgruppe erarbeitet.

Zum Präsidenten der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ wurde der Arzt und Sammler Dr. Otto Mertens gewählt. Im übrigen gehören dem Vorstand die Juristen Schily und Pfefferkorn, Karena Niehoff und Christos Joachimmidas und der Maler Arwed D. Gorella an, eine Namensliste, die immerhin die Legende widerlegen dürfte, daß die „Neue Gesellschaft für Bildende Kunst“ mit der Aktionsgruppe identisch oder gar eine APO-Gründung sei. Vielmehr handelt es sich um ein experimentelles Modell, das eine Möglichkeit zeigt, die Esoterik des Kunstbetriebs aufzubrechen und das Desinteresse an Fragen der Kunst innerhalb der Öffentlichkeit zu überwinden. Die „Förderung des Kunstinteresses“ wird nicht nur postuliert, hier ist jeder aufgefordert mitzuspielen. Alle inhaltliche Arbeit soll in Arbeitsgruppen geleistet werden, die aus der Hauptversammlung hervorgehen und jedem Mitglied offenstehen. Der Vorstand ist auf juristische und organisatorische Funktionen beschränkt, und an die Stelle des traditionellen Generalsekretärs tritt hier ein Büro, das nur mit der technischen Realisation der Projekte betraut ist.

Die Lebensfähigkeit beider Vereine hängt freilich entscheidend vom Senat für Wissenschaft und Kunst und von der Zuwendung der Lottogelder ab. Leider scheint Senator Stein nach dem Fiasko des alten Kunstvereins verunsichert. Seine Andeutung, Zuschüsse nur noch von Projekt zu Projekt zu gewähren und damit eine auch nur mittelfristige Planung unmöglich zu machen, ist ebensowenig erfreulich wie die Drohung, wichtige künstlerische Vorhaben künftig in Senatsregie zu beschließen und durchzuführen. Es ist wohl auch wenig realistisch, von der „Idealkonkurrenz“ zweier Kunstvereine „wichtige Anstöße für ein lebendiges Kunstleben in dieser Stadt“ zu erwarten. Das hieße die Gesetze der freien Marktwirtschaft allzu leichtfertig auf den kulturellen Bereich zu übertragen. Vielmehr steht zu fürchten, daß in solcher Konkurrenzsituation Sachfragen zu Macht- und Personalfragen werden, daß ungewöhnliche Versuche, die ja immer auch das Risiko des Scheiterns eingehen, notwendig ausbleiben werden, weil sie den traditionellen obrigkeitlichen Leistungskriterien nicht genügen könnten.