Von Wolfgang Müller-Haeseler

Vor 200 Jahren lobten Dichter die preußische Metropole Berlin über den grünen Klee und vor 100 Jahren schickte Berlin sich an, Hauptstadt eines deutschen Reiches zu werden. Vor 50 Jahren war es drauf und dran, in den goldenen zwanziger Jahren selbst Paris den Rang als Amüsierzentrum abzulaufen. Vor 30 Jahren wurde Berlin unter den Schlägen der alliierten Luftwaffe in einen Trümmerhaufen verwandelt und vor 20 Jahren war es Symbol des deutschen Widerstandes gegen den Kommunismus.

Heute beginnt Westberlin in Vergessenheit zu geraten oder – schlimmer noch – unbequem zu werden. „Faß ohne Boden“ oder „Klotz am Bein“ wird die, Zweieinviertel-Millionen-Stadt heute von den Kritikern genannt, denen die jährlichen Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt ein Dorn im Auge sind. „Verlängerte Werkbank der westdeutschen Industrie“ nennen wohlmeinendere Beobachter die kapitalistische Insel mitten in der roten DDR.

Diese Beurteilung ist jedoch vielfach von Emotionen geprägt, die zahlenmäßig nur schwer zu belegen sind. Unbestreitbar ist eines richtig: Ohne Zuschüsse aus dem Westen ist die geteilte Stadt nicht lebensfähig. Diese mißliche Lage, die niemand mehr stört, als die Berliner selbst, hat aber ganz reale Hintergründe. Einmal ist es die politische Lage, das Fehlen jeden Hinterlandes, auf das nun einmal alle Hauptstädte der Welt angewiesen sind, zum zweiten aber ist es gerade der Verlust der Hauptstadtfunktion, die den Berlinern so schwer zu schaffen macht. Sie erforderte eine völlige Umstrukturierung des Wirtschaftsgefüges. Als Hauptstadt des Deutschen Reiches lebte Berlin vorwiegend von den Dienstleistungen, die die Reichsbehörden, die zahllosen Organisationen und Verbände erbrachten.

Heute dagegen muß Berlin vornehmlich von der Warenproduktion leben. Wie mühsam es ist, diese notwendige Umstellung unter den gegebenen politischen und geographischen Verhältnissen zu erreichen, mögen zwei Zahlen veranschaulichen. 1960 entfielen noch 42 Prozent des Berliner Sozialprodukts auf Dienstleistungen und 38 Prozent auf die Warenproduktion, 1968 war das Verhältnis trotz aller Präferenzen erst 39 zu 61.

Und das, obwohl Westberlin seit dem Jahre 1965 jährlich mehr als zwei Milliarden Mark Zuschüsse des Bundes erhält (vgl. Tabelle S. 26).

Die gesamte Berlin-Hilfe entspricht etwa 0,55 Prozent des westdeutschen Bruttosozialprodukts. Auch die zurückliegenden Jahre haben nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Beirats beim Berliner Senat keine höhere Belastung der Bundesrepublik gebracht. Für die Zeit von 1951 bis 1967 errechneten die Professoren, daß durchschnittlich 0,53 Prozent des westdeutschen Brutto-Inlandsprodukts nach Westberlin transferiert wurden. So gewaltig die Zahl von knapp 3,5 Milliarden Mark auch anmuten mag, so darf bei einer Berechnung der echten Berlin-Kosten nicht vergessen werden, daß die Stadt selbst eines! beträchtlichen Teil der durch ihre besondere Lage entstehenden Kosten trägt. Dem vom Bund getragenen Steuerausfall in Höhe von etwa 1,1 Milliarden Mark stehen knapp 750 Millionen gegenüber, auf die der Berliner Fiskus selbst verzichtet.