Der Krieg in Biafra geht nun in sein drittes Jahr. Ähnlich wie Vietnam so bewegt auch der afrikanische Bruderkampf die Gemüter. Der Evangelische Kirchentag in Stuttgart konnte nicht umhin, das Thema Biafra auf die Tagesordnung zu setzen. Biafra-Komitees in ganz Europa – besonders aktiv die in der Bundesrepublik – werden nicht müde, die Trommel zu rühren. In Resolutionen und auf Kundgebungen fordern sie die Regierungen auf, in dem Krieg Biafra-Nigeria Stellung zu beziehen – zwischen den beiden Ländern zu vermitteln, auf London Druck auszuüben, die Waffenlieferungen an Lagos einzustellen und am besten, Ojukwus Regime diplomatisch anzuerkennen.

Die ferventen Biafra-Anhänger in der Bundesrepublik überschätzen oft die realen Möglichkeiten Bonns und übersehen, daß die Bundesregierung mit ihren Millionenbeiträgen die Kirchen in die Lage versetzt, humanitäre Hilfe zu leisten. Im ersten Halbjahr 1969 überwies Bonn 12 Millionen Mark an die evangelische Kirche und an die Caritas. Und diese Hilfe wird, trotz der Meldung, alle Hilfsflüge seien eingestellt, Nacht für Nacht weiter geleistet. Allabendlich starten von São Tomé aus die Kirchenmaschinen mit Stockfisch, Salz und Medikamenten an Bord. Und sie landen trotz nigerianischen Abwehrfeuers und nigerianischer Bomben auf dem privisorischen Flughafen Biafras in Uli. Es waren in der letzten Zeit 10 bis 12 Flüge pro Nacht, was bedeutet, daß täglich bis zu 150 Tonnen Lebensmittel eingeflogen werden.

Nachdem am 5. Juni eine Rot-Kreuz-Maschine von den Nigerianern abgeschossen worden war, und die Genfer Zentrale Startverbot für ihre Maschinen verfügt hatte, wurde auch die kirchliche Luftbrücke von São Tomé eingeschränkt. Doch hatte sich bald alles wieder eingependelt, und die Kirchenmaschinen flogen wieder genauso häufig wie zuvor.

Während das Rote Kreuz hofft, durch diplomatische Verhandlungen einen Hilfsplan in Gang setzen zu können, der sowohl für Gowon wie für Ojukwu akzeptabel ist und der die Neutralität des Roten Kreuzes wahrt, handelt die Kirche unter dem Risiko, den Zorn Nigerias auf sich zu ziehen. Und fliegt trotz des Verbots von Gowon über nigerianisch-kontrolliertes Gebiet.

Manche Leute meinen, der Krieg würde schnell zu Ende gehen, wenn die Versorgungsflüge in den biafranischen Kessel einfach aufhörten. Wahrscheinlich irren sie, der Hunger in Biafra ist zwar groß, aber so groß, daß er das Volk der Ibos zur Kapitulation zwänge, ist er nicht. Der militärische Nachschub nach Biafra hat nicht nachgelassen, von Libreville starten immer noch regelmäßig Maschinen mit Munition und Ausrüstungsgegenständen. Die Biafraner fühlen sich stark genug, diesen Kampf, der von beiden Seiten wohl mit ganzem Herzen, aber nur mit halber Kraft geführt wird, noch lange durchzuhalten.

Sie haben Owerri zurückerobert und wichtige Ölfelder wieder in Besitz genommen. Ihre kleinen Raffinerien versorgen sie heute besser als vor einem halben Jahr. Sie haben an einer Stelle den Niger überschritten und sind damit in der Lage, alte Wirtschaftsbeziehungen wiederaufzunehmen. Der Krieg wird, was man oft übersieht, nur längs der großen Straßen und um die Städte geführt, der Busch und die unzähligen kleinen Dörfer können von den Nigerianern nicht kontrolliert werden, auch wenn sie als besetzt gelten.

Das Wasser steht Ojukwu also nicht an der Kehle. Zwar werden in den Flüchtlingslagern noch viele Frauen und Kinder Hungers sterben, aber dies wird ihn nicht veranlassen, die weiße Flagge zu hissen. Er will den Beweis antreten, daß Gowon ihn nicht in die Knie zwingen kann.