Die Bundesregierung hat den Versuch unternommen, den Streit um Währung und Konjunktur bis zur Wahl auf Eis zu legen. Nach einer sechsstündigen harten Debatte, die freilich die grundlegenden Differenzen zwischen der CDU-Mehrheit und der SPD-Minderheit im Kabinett nicht ausräumen konnte, wurde am Dienstag beschlossen:

  • Sieben Milliarden Mark an Haushaltsmitteln von Bund und Ländern sollen zur Dämpfung des Super-Booms gesperrt werden.
  • Die Ministerien für Wirtschaft, Finanzen und Äußeres wurden angewiesen, die Angebotsmöglichkeiten für Importwaren weitgehend zu erleichtern.

Anders als bei der Aufwertungsschlacht des Kabinetts im Mai stand diesmal die SPD geschlossen hinter ihrem Wirtschaftsminister Schiller, ohne dabei den Eklat zu wagen. Der SPD-Vorsitzende und Bundesaußenminister Brandt hatte schon vorher erklärt, eine Aufwertung der Mark sei gegenwärtig "nicht aktuell". In der Kabinettssitzung wurde dann auch über den Schiller-Plan, die Abgabensätze für Ein- und Ausfuhren jeweils von vier auf sechs Prozent zu erhöhen (Ersatzaufwertung), nicht mehr gesprochen. Der Wirtschaftsminister drang mit seinem’ Vorschlag, zur Verstärkung der Konjunkturdämpfung die degressive Abschreibungsmöglichkeit für die Industrie auf die Dauer von neun Monaten auszusetzen, ebenfalls nicht durch.

Der Koalitionskompromiß wurde mithin auf dem Rücken Schillers erstritten und vermochte selbst dessen sozialdemokratische Ministerkollegen nicht ganz zu überzeugen: Sie behielten sich vor, auch weiterhin auf die Differenzen mit der CDU in der Währungs- und Konjunkturfrage öffentlich hinzuweisen. Für Mittwoch wurde eine Sitzung des Kreßbronner Kreises anberaumt, der das untergründige Koalitionsbeben niederhalten soll.

Vorige Woche erst, als Bundeskanzler Kiesinger angeblich mit dem Gedanken umging, seinen rebellischen Wirtschaftsminister zu entlassen, war der Vater der Großen Koalition, der SPD-Vize und Gesamtdeutsche Minister Wehner explodiert: Er selber und die SPD, so erklärte er in Bonn, wollten mit dem Koalitionspartner "anständig auseinandergehen", doch habe er den Verdacht, daß es "manche" – vor allem Kiesinger – auf den Bruch angelegt hätten, der nicht mehr auszuschließen sei. Alarmiert reagierte der Kanzler sofort: Er halte daran fest, daß die Große Koalition bis an die "Schwelle der Wahl zusammenbleiben solle. In Bonn wurde nach dem Orakel-Spruch gerätselt, wo diese Schwelle liegt.