Von Christabel Bielenberg

Sein wackliger, alter Karren, beladen mit Leitern und Geräten, hielt vor der Gartentür. Ein kurzes Läuten, und schon begrüßte mich seine Stimme mit ihrem unverkennbaren sächsischen Tonfall: "Neisse. Guten Morgen, Frau Doktor."

Wäre es ein Sonntag oder einer der vielen anderen Sammeltage gewesen, so wäre das Läuten lauter und länger, der Tonfall abgehackter, der Gruß "Heil Hitler" gewesen. Herr Neisse kümmerte sich nämlich nicht nur gelegentlich um unseren Garten, er war auch unser Blockwart. Er beschnitt nicht nur Bäume, mähte den Rasen und fegte Blätter zusammen, er sammelte auch Parteibeiträge ein und verkaufte Abzeichen für das "Winterhilfswerk", Ansichtskarten, Broschüren, alles mögliche, womit sich die Parteikasse auffüllen ließ. Außerdem hatte er der Partei, über das Betragen der Volksgenossen seines Blockes Bericht zu erstatten, damit man genau kontrollieren konnte, ob jemand nicht gebührlich geflaggt oder nicht ausreichend oder gar unwillig für die große Sache gespendet hatte.

An Wochentagen war Herr Neisse freundlich, höflich, eher schüchtern; ein gut beschnittener Baum, ein Blumenbeet, der kleine dunkle Winkel neben der Garage, wo die Maiglöckchen eine sorgliche Hand brauchten – das waren Dinge, die ihm sichtlich am Herzen lagen.

Am Sonntag aber war die Sache ganz anders. Da war er in seiner Parteiaufmachung und überdies auch gut rasiert, wenn man von einem kleinen, symbolischen Viereck über der Oberlippe absah. Für mich war er das einzige Rädchen in der Nazi-Maschinerie, das ich näher kannte, da wir die Liebe zur Gärtnerei gemeinsam hatten.

Es gab eine Geschichte, wonach bei Hitlers Geburt drei gute Feen an seiner Wiege gestanden hätten. Die erste wünschte ihm, daß jeder Deutsche ehrlich, die zweite, daß jeder Deutsche intelligent, die dritte, daß jeder Deutsche ein Nationalsozialist sein möge. Dann aber kam die böse Fee, und sie bestimmte, jeder Deutsche dürfe nur zwei dieser Eigenschaften besitzen. Somit blieben dem "Führer" nur intelligente Nazis, die nicht ehrlich waren, ehrliche Nazis, die nichts im Kopf hatten, und ehrliche und intelligente Bürger, die keine Nationalsozialisten waren. Eine hübsche, lustige Geschichte vielleicht, aber gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt; denn ich hatte den Eindruck, daß diese drei Kategorien von Deutschen nebeneinander lebten und arbeiteten, aber wegen der Natur des Regimes unfähig waren, mehr als nur den oberflächlichsten Kontakt miteinander zu halten.

Man konnte bald entdecken, zu welcher dieser drei Kategorien Herr Neisse gehörte. Er war der Sohn eines sächsischen Bauern; und er war ein getreuer Untertan seines Monarchen, des sächsischen Königs, gewesen. Nachdem er im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen war, ohne sich irgendwie hervorzutun, und als er in das Chaos von Berlin zurückkehrte, war er ein bißchen überrascht, wie er einräumte, wie plötzlich und vollständig Deutschland den Krieg verlogen hatte: "Wissen, Sie, Frau Doktor, wir, haben uns doch gut gehalten, ja, man hat uns sogar, von großen-Siegel? erzählt, und dann mit einem Mal Schluß, aus, die Regierung in der Heimat hat um Frieden ersucht. So was! Ich bin nach Berlin gegangen, weil meine Hilde hier war und ich ihr versprochen hatte, nach dem Krieg zu ihr zurückzukommen. Sie hat auf mich gewartet, meine Hilde. Die Gute, sie hat gewartet."