Sie muß eine großartige Person gewesen sein, seine Hilde; denn sie sollte noch weitere zehn Jahre warten müssen, bis Herr Neisse soviel Geld zusammengespart hatte, wie nach seiner Meinung zum Heiraten notwendig war. Er hatte alles mögliche versucht, um nach dem Krieg Arbeit zu finden. Da er seinem ganzen Wesen nach ein Mensch vom Lande war, fand er, daß das Gärtnerhandwerk für ihn das richtigste wäre.

Tagein, tagaus war er durch die baumgesäumten Straßen Dahlems gepilgert, unverzagt von einer Gartentür zur nächsten. Er trank nicht, er rauchte nicht; er hatte für sein Mittagessen und einen Hungerlohn gearbeitet, den ganzen Tag sonst nichts gegessen und auf diese Weise nach einigen Jahren soviel zur Seite gelegt, daß er daran denken konnte, sich um einen kleinen Schrebergarten am Rande von Dahlem-Dorf zu bewerben. Hilde hatte ebenfalls gespart; sie arbeitete an einem Metzgerstand auf dem Dahlemer Markt. Ihr Auge war auf eine bestimmte Parzelle gefallen – das Häuschen war nicht viel größer als ein Kaninchenstall.

Herr Neisse war sich nicht ganz sicher gewesen, wer eigentlich schuld daran war, daß Deutschland den Krieg verloren hatte; aber keinen Zweifel gab es für ihn, daß das Unglück, das 1923 so unverdient über ihn hereinbrach, die Folge irgendeines gemeinen, heimtückischen Komplotts war. Fast über Nacht hatten sich seine Ersparnisse, Hildes Ersparnisse, ihr Schrebergarten, ihre so bescheidenen Hoffnungen in Luft aufgelöst.

"Die Inflation, Frau Doktor, wissen Sie, plötzlich war alles futsch. Mit meinem ganzen Ersparten konnte ich gerade noch eine Tasse mit Untertasse kaufen, und die hab’ ich der Hilde statt des Trauscheins geschenkt. Komisch, was, daß mir an der Untertasse so viel gelegen hat?"

Aber es war gar nicht so komisch; denn wenn Herr Neisse von jenen Zeiten erzählte, bebte seine Stimme vor innerer Bewegung, und die sonst so präzisen Bewegungen seiner Hände wurden nervös und fahrig. Der Verlust seines kleinen Sparkontos hatte nicht nur jegliches Vertrauen zerstört, das er etwa zu einer demokratischen Regierung hatte, sondern ihn auch zuinnerst getroffen, seine Selbstachtung und sein. Recht auf Achtung zerstört. Die Untertasse – vielleicht war sie ein Hauch von Gutbürgerlichkeit, vielleicht war sie Ausdruck des Trotzes gegen die unberechenbaren herrschenden Mächte gewesen.

Auf die Inflation war für Herrn Neisse wiederum Arbeitslosigkeit gefolgt, da die gleichermaßen verarmten Besitzer der Villen in Dahlem, pensionierte Beamte und dergleichen, sich den Luxus, einen Gärtner zu halten, nicht länger leisten konnten. Aber nach Herrn Neisses Beschreibungen währte es nicht lange, bis viele von ihnen auszogen und einer neuen Schicht von protzigen Juden und Ladenbesitzern Platz gemacht hatten. Herr Neisse hatte noch nie etwas für die Juden übrig gehabt und übrigens auch nicht für die anderen, die Ladenbesitzer; er nannte sie "weiße Juden".

Nach dem Krieg strömten sie vom Osten herein, die Lilienbusch und Rosenstrauß, die Ipskis und Owskis; sogar ihre Namen waren absurd. Aber irgendwie hatten sie es fertiggebracht, ebenso schnell zu Geld zu kommen, wie er, Herr Neisse, seine Ersparnisse verloren hatte. Er hat für diese neuen Herrschaften gearbeitet – man mußte schließlich leben –, aber er fand sie vulgär und prahlerisch, und Trost fand er nur darin, daß zwar die Villenbesitzer gewechselt hatten, die Gärten aber die gleichen waren. Auch wurde ihm anderer Trost zuteil; denn langsam, aber sicher und mit Hilfe seiner sparsamen Hilde sah er seinen kleinen Schrebergarten aus dem Dunkel begrabener Hoffnungen wieder ins Reich der realen Möglichkeiten eintreten. Er näherte sich schon den Vierzig, als er endlich seine Hilde heiratete; aber es war ein unvergeßlicher Tag gewesen, und zudem hatten sie ein Holzhäuschen bezogen, das noch größer war als das seiner Träume, sogar "mit Veranda".