Zwei Jahre arbeiteten und sparten sie unermüdlich, um den halben Anteil an einem Gemüsestand. Aber dann kam das Jahr 1929, und jenseits des Atlantik passierte etwas, – dessen gewaltige Auswirkungen den europäischen Kontinent überspülten und eine Kette von Bankrotten und Selbstmorden auslösten. Die Wirtschaftskrise ließ für einen Gelegenheitsgärtner keinen Platz mehr. Herr Neisse reihte sich in ein Heer von über sechs Millionen Erwerbslosen, ein. Zwar brauchte er, dank seinem Schrebergarten, nicht wirklich Hunger zu leiden; aber er war fast wieder auf denPunkt zurückgeworfen, wo er angefangen hatte: mit knurrendem Magen und vielen unfreiwilligen Mußestunden.

Er sprach zwar nicht davon, aber ichkonnte mir vorstellen, daß Herr Neisse tief verbittert gewesen war und nach irgendeinem Ismus Ausschau hielt. Der Kommunismus sagte ihm nicht zu; er hatte immer für die Reichen gearbeitet, ihre Blumen und Bäume umsorgt. Er war, in seinem kleinen Bereich, ein Schöpfer; er verspürte nicht den Drang, alles in die Luft zu sprengen, er wollte nur irgendwohin gehören. Nationalismus? Das war etwas für die feinen Leute, für die, die noch etwas zu verlieren hatten. Nationalsozialismus, das war schon mehr nach seinem Geschmack; er begann Partei Versammlungen zu besuchen.

Zwar wünschte Herr Neisse, man hätte ihn bei der Blumendekoration zu Rate gezogen – er konnte hellrote und blaue Hortensien einfach nicht ausstehen – aber er schilderte jene Zusammenkünfte mit einer Begeisterung, wie er sie sonst selten an den Tag legte. Die riesigen fahnengeschmückten Säle, wenn die jungen Burschen einer nach dem anderen hereinschlüpften, ihre SA-Mützen aus der Tasche holten und ihre Regenmäntel auszogen, unter denen die verbotene Uniform zum Vorschein kam – man konnte sich ihn gut vorstellen, wie er den rechten Arm hochriß und mit den anderen plärrte, wie ihm die Augen feucht wurden, wenn die lauten Männer das Horst-Wessel-Lied anstimmten.

Dann lauschte er gebannt, als es im Saal still wurde und die tiefe Stimme des großen Redners auf ihn eindröhnte, so viele seiner ungeformten Ressentiments in Worte faßte. Und in was für Worte. Goldene Worte von deutschem Blut und deutscher Scholle, von Deutschlands Wiedergeburt und seinem Bedürfnis nach einem Platz an der Sonne, von der Entehrung, die der Vertrag von Versailles über das Reich gebracht habe, von der Infamie und Doppelzüngigkeit der deutschen Nachkriegspolitiker, die das Vaterland verraten hätten. Und dann – die tiefe Stimme hob sich zu fanatischem Geschrei – von den Juden, die an allem schuld waren.

"Oh, nein, Frau Doktor, verstehen Sie mich richtig, nicht ein bestimmter Jude. Sie haben ganz recht, Ihr Vorgänger war ein sehr netter Herr; und von Dahlien hat er wirklich was verstanden. Nach 1933 konnte ich natürlich nicht mehr für ihn arbeiten; aber ich habe oft über die Hecke geschaut, wenn ich vorbeikam. Er hat sich meistens in seinem Garten aufgehalten, bevor er Wegging, und ich wußte, was das bedeutete. Er hatte keine Arbeit, was mir sogar für ihn leid getan hat. Nein, nein, das internationale Judentum!" – Herr Neisse beschrieb mit seiner Harke einen weiten Kreis, der alles einschloß, Hecken, Bäume, Dachgiebel, ja selbst die Wolken am Himmel. "Sie verstehen, Frau Doktor, das internationale Judentum."

Sobald er den fahnengeschmückten Saal und den Bannkreis der goldenen Worte verlassen hatte, fiel es Herrn Neisse wohl ebenso schwer. wie mir zu verstehen, wovon die Rede war. Auch trat er erst 1931 in die Partei ein; er konnte sich nicht früher dazu entschließen, weil Hilde das ganze Theater offensichtlich höchst albern gefunden hatte. Herr Neisse beeilte sich, mir zu versichern, sie habe sich inzwischen natürlich bekehrt – natürlich.

Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, erhielt Herr Neisse, Parteigenosse Neisse, für seine getreue Teilnahme an Parteiversammlungen und die regelmäßige Zahlung der Mitgliedsbeiträge seinen Lohn: Er wurde zum Blockwart ernannt. In dieser Funktion, auf der untersten Stufe der Parteihierarchie, war er verblieben und würde er zweifellos weiter bleiben, ein ewiger Handlanger, der zusah, wie die Juden und die "weißen Juden" ebenfalls aus ihren Häusern auszogen und hohe, weiße Ziegelmauern um die neuen, prunkvollen Villen der Parteigrößen errichtet wurden, die nun in ihren großen, schwarzen Mercedes-Wagen Einzug hielten, mit ihren quellenden Plüschgarnituren und ihren unbedeutenden, aufgedonnerten Frauen. Himmler, Ley, von Ribbentrop, wir hatten eine eindrucksvolle Versammlung von Parteibonzen in Dahlem, und es war allgemein bekannt, daß sie in äußerstem Luxus lebten.