Ebenso war allgemein bekannt, daß die NS-Größen in weiser Voraussicht Sorge getragen hatten, unter ihren Palästen tiefe und üppig ausgestattete Luftschutzbunker einbauen zu lassen, während wir gewöhnlichen Sterblichen nicht einmal Luftschutzausbildung erhalten hatten.

Für all diese so gar nicht zeitgemäßen Dinge hatte Herr Neisse sich eine Antwort zurechtgelegt, dieihn anscheinend befriedigte. Es war ganz einfach so, daß der "Führer" davon keine Ahnung hatte. Für Herrn Neisse war Hitler ein schlichter, aufrichtiger Mann, der einfacher Soldat gewesen war wie er selber und dessen einzige Extravaganz darin bestand, daß er sich für Deutschland und Deutschlands Wohl verzehrte. "Er hat ja die Kinder so gern, Frau Doktor, und auch Hunde – auch die Hunde liebt er."

"Schlicht" war das Wort, auf das Herr Neisse und ich uns zur Beschreibung der Tugenden des "Führers" geeinigt hatten, obwohl ich mir einige andere Epitheta hätte einfallen lassen können, die zutreffender gewesen wären.

Der Tag, von dem hier die Rede ist, war warm, und Herr Neisse zeigte sich ungewöhnlich schweigsam. Der Krieg war noch kaum vierzehn Tage alt. Niemand hatte sich vorgestellt, daß die Wehrmacht mit derartiger Dynamik nach Polen einrücken würde. Und die Briten – die Alliierten – was unternahmen sie? Soweit ich sehen konnte, überhaupt nichts.

Ich wußte, daß ich mich an die Schlagzeilen der Zeitungen gewöhnen mußte, an die Meldungen von versenkten englischen Schiffen mit Tausenden von Menschenverlusten, an das Jubelgeschrei über die völlige Ohnmacht der britischen Kriegshetzer; es bestand ja immer die Möglichkeit, daß die Angaben übertrieben waren, vermutlich der Wahrheit nicht im entferntesten nahekamen. Aber die anderen, wie man annehmen sollte, die zuverlässigeren Stimmen von draußen, die BBC, Radio Beromünster – auch sie schienen einen nicht überzeugen zu können, daß im Lager der Alliierten ein anderer Zustand herrschte als der des ohnmächtigen Zusehens.

"Tut mir wirklich sehr leid, dieser Krieg, Frau Doktor", sagte er, "es muß merkwürdig für Sie sein, in einem fremden Land."

"Na ja, Herr Neisse, ich fühle mich eigentlich nicht fremd hier, es ist ja meine Heimat, und an den Krieg denke ich eben so wenig wie möglich" – die obligate Antwort. "Trotzdem", fügte ich hinzu, "als Sie das letztemal. hier waren, hatten wir gehofft, daß die Sache anders laufen würde, nicht wahr?"