Herr Neisse verstummte. Er stieg von seiner Leiter, rückte sie fast ungestüm ein Stück näher auf meinen Stuhl zu und machte sich mit einer, wie es schien, unnötigen Energie wieder ans Stutzen der Weinblätter. Ich hatte ihn allerdings etwas in Verlegenheit gebracht. Sein voraufgegangener Besuch war mit der Unterzeichnung des russisch-deutschen Nichtangriffspaktes zusammengefallen – einem politischen Salto, der klügeren Leuten als Herrn Neisse den Atem verschlagen hatte.

Ich hatte ihn gefragt, was nun mit einigen seiner Postkarten werde: Greuelbildern von ausgemergelten Frauen und hohläugigen Kindern, die vor Juden, mit teuflischen Fratzen und mit Peitschen bewaffnet, im Staube krochen; dem Text auf diesen Karten konnte man entnehmen, daß es so in russischen Konzentrationslagern zuginge. Und nun waren die Russen, der bolschewistische Pöbel, mit einemmal unsere Busenfreunde. Meine Frage war Herrn Neisse nicht angenehm gewesen. Die Postkarten waren anscheinend zurückgezogen worden; und als Herr Neisse ging, einigten wir uns darauf, der "Führer" werde schon wissen, was er tat, und wir würden gern über so manches hinwegsehen, solange es nur keinen Krieg gab.

Ich weiß nicht, warum ich jetzt, da wir den Krieg hatten, ihn wieder nach den Postkarten fragte. Vielleicht, um das Thema zu wechseln, vielleicht, weil ich, als ich ihm half, seine Leiter durch den Mauerbogen auf die Terrasse zu bugsieren, eine braune Pappschachtel gesehen hatte, die in seinem Karren lag, halb versteckt unter Spaten und Bindfadenrollen: "Ich sehe, Sie haben ein paar neue Karten."

Einen Augenblick schien es, als würde Herr Neisse von seiner Leiter kippen. Er schnitt wild auf das Weinlaub los: "Nein – ja, ich hab sie auf dem Weg hierher abgeholt. Oh, ja, Sie können sie anschauen, wenn Sie wollen, am Sonntag sehen Sie sie sowieso."

Ich öffnete die Schachtel und kramte zerstreut darin herum. Starr blickende Frauen, starr blickende Kinder, starr blickende Schäferhunde, die allesamt die dürftige Gestalt anhimmelten, die ihr "Führer" war. Plötzlich hielt ich inne. Ich traute meinen Augen nicht: Aber nein, hier waren ja gute alte Bekannte, die Frauen, die Kinder, die Peitschen, die Juden. Nur der Text darunter war anders. Ich warf einen Blick zu Herrn Neisse – erschaute mich mit einem Ausdruckauf seinem zerfurchten Gesicht an, der schwer zuergründen war. Flehentlich? Grollend? Resigniert? "Sehr ähnlich, nicht wahr?" brachte ich murmelnd heraus.

"Sehr ähnlich", gab er zur Antwort.

"Ja sogar fast die gleichen", setzte ich hinzu.