Von Rolf Zundel

"Am Andersdenkenden bewährt sich die Liebe"

Richard von Weizsäcker Präsident des Kirchentages

Am Eingang zum Stuttgarter Kirchentagsgelände stand ein Mädchen in hautengen Blue jeans, die rote Fahne im linken Arm, in der rechten Hand einen Stoß Flugschriften. Auf sie zu schritt eine ältere Frau, unauffällig gekleidet, grauhaarig. Sie faßte posto und nahm dieses ungewohnte Phänomen des Kirchentags in Augenschein.

"Was wollet Sie denn mit der roten Fahne?" fragte die Frau in jenem schmallippigen Honoratiorenschwäbisch, das in den Pfarrhäusern in und um Stuttgart herum gepflegt wird. In der Frage klang schon das Urteil mit. Und die Antwort hörte sich so an, als ob sie schon sehr oft gegeben worden wäre: "Ich, als Katechetin, halte es für meine Pflicht, mich mit dem Proletariat zu solidarisieren."

Die ältere Frau warf den Kopf in den Nacken: "So ein saudomms Geschwätz!" Ihr Schwäbisch hatte plötzlich den Zivilisationsfirniß verloren. Das Mädchen mit der roten Fahne aber zuckte mit der Achsel und setzte jenes mitleidige Lächeln auf, daß viele Jüngere für politisch und geistig zurückgebliebene Ältere parat haben. Beide fühlten sich in ihrer Selbstgerechtigkeit, im Kampf für ihre "gute Sache" bestätigt.

Dies ist eine der Schlüsselszenen zum Verständnis des Kirchentags, aber sie erklärt nicht alles, denn es gab auch andere Szenen, zum Beispiel diese: In der Arbeitsgruppe "Streit um Jesus" saßen die Gottesmänner, nach Lehrmeinung säuberlich geschieden, auf dem Podium, links die Pietisten, rechts die modernen Theologen, und attackierten sich auf eine Art, wie sie im Bundestag nur noch als böse historische Erinnerung aus den fünfziger Jahren erinnerlich ist. Einer der modernen Theologen hatte gerade eifrig die Säure der Vernunft auf den Glauben geträufelt; seine Anhänger jubelten, ein paar kletterten auf das Podium und drückten ihrem Wortführer Blumen in die Hand. Er nahm sie, verlegen, und – nur eine kleine Pause der Überlegung lag dazwischen – gab sie dann nach links weiter, an seine Gegner.