Sie heißt "Deutsche Welle" und ist mehr. Der deutsche Auslandsfunk verleiht Programms deutscher Rundfunk- und Fernsehanstalten ans außereuropäische Ausland: treibt sozusagen Entwicklungshilfe im Äther. Die "Deutsche Welle" erzeugte hierzu zwei Töchter: Transkriptionsdienst" für Rundfunk, für Fernsehen "Transtel". Ihre Programmhefte verraten gemeinsamen Ehrgeiz: nicht nur über Deutschland zu belehren, sondern über die Welt. Die Sendereihe "Geschichte" vertreibt, was hierzulande über Alexander, Ludwig, Robespierre, Bolivar, Lincoln und Gandhi im Schwange ist. In der Reihe "Nobelpreisträger" macht Transkriptionsdienst die Arbeit der Konkurrenzdienste gleich mit: auf drei deutsche Geistesgrößen kommen zehn aus dem befreundeten Ausland. Eine von ihnen ist Pearl S. Buck. Beruf, laut Programmtext: "Botschafterin der Liebe."

Auch Transtel ("Unabhängige Programme für unabhängige Völker") bricht entschlossen mit heimischer Selbstbeschränkung. Ihr Feld ist die Welt. Wollen Sie "großen Männern" einmal persönlich begegnen? Die Broschüre fragt es Bildschirmbetrachter aus fernen Ländern und stellt dann vor: Ayub Khan, Bourghiba, Kenyatta, Park Chung Hee, Haile Selassie, Tsiranama, Hussein und Leopold Sedar Senghor. Vermittelt wird deutsche Einsicht über fremde Größe, souveräne Urteile sind hier Dutzendware. Der Ayub-Khan-Text beginnt mit einem Ayub-Khan-Zitat. Es zeigt, daß Deutschlands Stimme allen voran war: "Präsidenten kommen und gehen." Nun, da er gegangen ist, finden seine Nachfolger ihn jedenfalls im Archiv. Er ruht da als "Mann von großer Entscheidungskraft", als "Mann, der weiß, was er will". Ein Mann auch, "der sicher zu wissen scheint, was sein Land braucht". Übrigens hat er, laut Transtel, gerade in der Innenpolitik "ziemliches Geschick" bewiesen. Über Kenias Kenyatta verrät die Werbeschrift, er sei "die lebendige Widerlegung rassischer Vorurteile". Aus Kenia vertriebene Inder dürften das anders sehen. Transtel-Texter erkennen auch, was Kenyatta vor allem ist: "Ein Vater der Nation, der weiß, wie er mit seinem Volk umgehen muß." So steht denn "seine souveräne Art westlicher Staatskunst in keiner Weise nach". Wir können da, im Gegenteil, noch lernen.

Haile Selassie wird den Spiegel, den Transtel ihm vorhält, möglicherweise beschlagen finden. Er nämlich "repräsentiert eine Zeit, in der Politik ein Privileg der Oberschicht war". Kein Wunder, daß seine Reformen zu wünschen lassen: "Sie haben mit denen vieler... afrikanischer Staaten nicht Schritt gehalten." Dem Kaiser, hoffentlich, wird das zu denken geben.

Von Hussein ist zu erfahren, daß er nicht nur im öffentlichen, sondern auch im privaten Leben "extreme Situationen" kannte. Inzwischen ist er gewandelt: "vom Playboy zum Staatsmann." Um ihn braucht die "Dritte Welt" sich keine Sorgen zu machen. "Mit seinen Verantwortlichkeiten", bescheinigt Transtel, "scheint auch er zu wachsen."

Friedenspreisträger Senghor, nach SDS-Überzeugung Charaktermaske, bestätigt solch Urteil durch ein Zitat: "Wenn der Politiker tot ist, wird der Poet immer noch leben." Vor Madagaskars Tsiranama schließlich beweist Transtel gesunde Skepsis. Sie stellt ihn vor als "gegenwärtiges Staatsoberhaupt" der Insel.

Was soll das heißen? Es soll heißen, daß unseren Leihdiensten etwas fehlt: Selbstbescheidung. Leihprogramme der "Deutschen Welle" werden im Ausland als Deutschlands Stimme verstanden. Das ist Vorteil und Gefahr zugleich. Es kann nicht deutsche Aufgabe sein, andere über sich selbst zu belehren oder andere über andere. Wer aller Welt Zensuren erteilt, mag typisch deutsch erscheinen, sympathisch erscheint er kaum. Unter den Kompetenzen der "Deutschen Welle", zudem, findet sich die des Weltenrichters nicht. Auch wird deutsche Außenpolitik üblicherweise nicht von Auslandsleihdiensten gemacht – in einem Land, wo dies zu den Aufgaben der Regierungssprecher gehört, zählt der Vorwurf freilich gering.

Die deutschen Leihprogramme, wollen sie informieren, sollten mit Deutschland vorlieb nehmen. Das ist Aufgabe genug und gewiß kein Zuckerschlecken.

Wolfgang Aron