Von Marianne Kesting

Eigentlich konnte man es nach der Chronik der ersten beiden Bände voraussagen: wenn dieser Godeau heiratet, ist es mit jenen ausschweifenden Szenerien vorbei, in denen der junge Mann als Nachfolger der decadents der Jahrhundertwende schwelgte. Vorbei mit den religiösen Ekstasen, vorbei mit der metaphysischen Ästhetik, vorbei mit jener goldenen Höhle, in der Godeau seine phantastischen Laster pflegte, vorbei auch mit dem Elan der Schriftstellerei, jenen Absolutheitswünschen, die immerhin eines Dewirkten: ein Stück abgelegener, morbider, aber auch faszinierender Schriftstellerei.

Marcel Jouhandeau, der zum frühen Gallimard-Kreis gehörte und von André Gide, Walter Benjamin und Jean Paulhan hoch geschätzt wurde, der jene unerhörten Chaminadour-Novellen schrieb und die düsteren Phantasien seines Herrn Godeau, heiratete 1929 die Tänzerin und Hausbesitzerin Elisabeth Toulemon. „Elise“ entstammte, wie Jouhandeau selber, einfachen Verhältnissen, wurde von Léon Staats zur Tänzerin ausgebildet und stand am Ende mit Charles Dullin auf der Bühne. Sie war mit Jean Cocteau befreundet, der ihr schließlich auch als Trauzeuge diente. Aber schon 1925 nahm sie Abschied von der Bühne und verbrannte in einem symbolischen Akt ihre Theatergarderobe. Als Jouhandeau sie heiratete, huldigte er der Vorstellung, sie sei eine „belle excentrique“. Er irrte sich.

Elisabeth Toulemon besann sich auf ihre bürgerlichen Eigenschaften. Jouhandeau stürzte sich mit dem gleichen wüsten Elan, der seine früheren Bücher charakterisierte, in seine Eheprobleme, mit denen fertig zu werden keine Aussicht bestand. Man muß nicht erst bei Sigmund Freud nachlesen, daß wirklichen Homosexuellen dergleichen Experimente nur selten gelingen; wieviel weniger einem Marcel Jouhandeau, dessen schriftstellerische Welt in extremem Maße eben von der Homosexualität, von ihren abwegigen Träumen und Einsamkeiten, von ihren sonderbaren Exzessen und Meditationen geprägt war. Dergleichen verträgt keinen Ehealltag. Eben die außerordentliche Situation war die Bedingung für die außerordentliche Literatur.

Marcel Jouhandeau war ein katholischer Schriftsteller par excellence. Vielleicht ist keinem Katholiken bei diesem Urteil recht wohl, aber es läßt sich schwer bestreiten, daß Jouhandeau ganz vom Katholizismus geprägt war. Eben dieser Glaube ließ ihn seine Veranlagung als äußerstes Laster empfinden und bewog ihn, die Frau zu heiraten, zu der er überhaupt ein näheres Verhältnis gewann, und schließlich die „unauflösliche“ Ehe durchzuhalten, sie als seine Passion, als ein endloses und aussichtsloses Martyrium auf sich zu nehmen. Das Sakrament der Ehe war ihm heilig; er ist darunter als Schriftsteller zerbrochen.

Schrecklicherweise ist er darunter wortreich zerbrochen: Sechzehn Romane schrieb Jouhandeau über diese Ehe, dazu zehn Tagebuchbände, einen Brief band, und im Jahre 1966 nahm das alte Ehepaar nicht Anstand, sich auch noch vor dem Fernsehen zu zanken, welches nationale Ereignis dann noch ein weiteres Buch lieferte, die Entretiens avec Elise et Marcel Jouhandeau“, die Jacques Danon herausgab. Und auch Elise schrieb noch ein Buch über diese Ehe, um sie aus ihrer Perspektive zu schildern.

Also haben wir eine Chronologie von nahezu dreißig Büchern über die Ehe des Herrn Godeau. Diese Tatsache ist ungeheuerlich, wenn man in Rechnung stellt, wovon diese vielen Bücher berichten. Der von Friedhelm Kemp besorgte und vorzüglich übersetzte Band