Von Alexander Rost

Nie zuvor waren so viele Menschen in einen„Netzplan“ moderner Technik eingespannt; noch nie galt es, eine derart komplizierte Aufgabe (nicht nur) angewandter Mathematik zu lösen; kein Team war je so groß und doch so einheitlich; und noch nie handelten Technik und Politik in Zeiten relativen Friedens so kurz entschlossen, wie beim Unternehmen „Apollo 11“.

Der Mond ist nicht „erobert“ worden; denn abgesehen davon, daß die Unwirtlichkeit seiner Pudersandmeere keinen Pfad für Konquistadoren bietet, gibt es den Artikel zwei des von den USA wie von der Sowjetunion und 33 anderen Staaten ratifizierten Weltraumvertrages: „Der Weltraum, einschließlich des Mondes, unterliegt nicht der nationalen Aneignung durch Hoheitsansprüche durch das Mittel der Besatzung oder Okkupation oder durch sonstige Mittel.“

Die „Stars and Stripes“-Flagge, die an einer Aluminiumleiste aufgespannt ist, weil es dem Mond an einer Wetter-Atmosphäre mangelt, am Windhauch selbst, der das Tuch stolz blähen könnte, ist also kein Siegel der Okkupation. Aber sie ist mehr als nur hinterlassenes Souvenir. Sie macht den Triumph deutlich.

Es gibt keinen Zweifel darüber: Das politische Gewicht der Mond-Exploration durch die Amerikaner, erst sicherlich überschätzt, ist dann schließlich unterschätzt worden. Mao Tse-tung mag seine mehr als sieben- oder acht- oder auch sechshundert Millionen Chinesen (es gibt eben Zahlen, die weniger gewiß sind als Mondflug-Daten) mit einer Mauer des Schweigens umgeben, vielleicht hat mehr als ein Drittel der Menschen nicht mehr als ein Gerücht von diesem Unternehmen vernommen – doch in der Welt, die reagiert, ist der „häßliche Amerikaner“ ansehnlicher, bewundernswerter geworden.

Vergessen sind der Schock des piependen Sputniks und Jurij Gagarins „Ich bin schon da“ als erster Mensch im Weltraum. Die Amerikaner haben als erste eine neue Küste erreicht. „Columbia“, ihr Raumschiff, und „Eagle ihr Mondboot, Fahrzeuge mit symbolträchtigen Namen, haben sich und Amerika an die Spitze des technologischen Fortschritts gesetzt.

Und „Fortschritt“ ist da keine abgenutzte Vokabel des Positivismus. Es gibt das positivistische Wahrheits-Kriterium des Vorausrechnens; nur, in dieser „Betritt den Mond“-Aktion ging es um handfeste Angelegenheit diesseits jeder Metaphysik. Wer sich den Fernseh-Blick in die Leitstelle von Houston, Texas, nicht trüben ließ, konnte feststellen: da saßen junge, schweigsame, selbstsichere Männer, die sich mit den nicht minder schweigsamen, ihre Phantasie in Zahl und Chiffre fesselnden Lunanauten im Richtig-oder-falsch-Code verständigten, jedes Wort entscheidungsträchtig, keine Silbe, in die sich Pathos einschlich.