Yannis Xenakis: „Atrées/Morsima-Amorsima/ST-4/Nomos Alpha“; Penassou (Cello), Bernede-Quartett, Instrumental-Ensemble für Zeitgenössische Musik, Paris, Leitung: Konstantin Simonowitsch; EMI (Electrola) ASD 2441, 25,– DM

Die Biographie des Komponisten gibt erste Aufschlüsse auf seine Werke: Geboren 1922 in Athen, von dort Einflüsse der griechischorthodoxen Kirchenmusik; Schüler des Polytechnikums Athen, dort frühe Neigung zu Mathematik, Architektur, Städtebau; nach 1947 Flucht in den Westen, Studium bei LeCorbusier, Assistent, Experte für Datenverarbeitung, 1958 Entwurf des Philips-Pavillons für die Weltausstellung in Brüssel; in Paris Studium bei Arthur Honegger, Darius Milhaud, Olivier Messiaen. Xenakis bezieht hier mathematische Kategorien in die Musik ein, vor allem die Wahrscheinlichkeitsrechnung, mit deren Hilfe er sein System der sogenannten „stochastischen“ Musik entwickelt.

Musik und Technik also, Musik, die von Computern errechnet wird, von Computern, die zwar in bestimmter Weise programmiert sind, die aber doch noch an Gabelungspunkten verschiedene Wege einschlagen können und mit bestimmter Wahrscheinlichkeit ein gewisses Ziel erreichen. Die Programme können unter verschiedenen „Bedingungen“ – etwa verschiedener Instrumentation – für mehrere Kompositionen benutzt werden. (So sind ST-4, Atrées und Morsima-Amorsima nach einem einzigen Computer-Programm, ST-10, gearbeitet.)

Kunst? wird man fragen. Einer Folge von einzelnen, isolierten Tönen, stehenden und gleitenden, ihren Dauern, den Farben und den Dynamik-Kontrasten nachzuhören, hat mit dem Genuß eines Tschaikowskij-Konzertes nichts zu tun. Leuten indessen, die eine Nacht lang vor dem Fernsehschirm der Präzision einer Mond-Landung zusehen und dabei die absolute Bewegungslosigkeit, die morbide Stille in dieser beigen Wüste körperlich fühlen, könnten auch andere akustische Kategorien sich eröffnen. Ihnen ist diese von Experten bespielte Platte dringend zu empfehlen.

Heinz Josef Herbort