Zu Beginn der sechziger Jahre machte sich ein norwegischer Statistiker mit Hilfe eines Elektronengehirns daran, die Kriege zusammenzuzählen, welche die Menschheit in 5560 Jahren aufgezeichneter Geschichte geführt hat. Der Computer kam zu dem bestürzenden Ergebnis, daß es 14 531 gewesen sind; das ergibt einen Durchschnitt von 2,6135 Kriegen im Jahr. Bei einer Zählung der bewaffneten Auseinandersetzungen in den beiden ersten Dritteln des Zwanzigsten Jahrhunderts gelangt man zu ähnlichen Ziffern. Der Engländer David Wood hat für die sieben Jahrzehnte von 1898 bis 1968 unlängst 128 Konflikte registriert. Von ihnen haben sich 44 vor dem Jahre 1939 abgespielt, 84 danach; in die Kategorie „Kriege zwischen verschiedenen Staaten“ fielen dabei vor 1939 nur 29, seit 1939 jedoch 24.

In diesen Zahlen drückt sich eine klare Tendenz zu steigender Konflikthäufigkeit aus. Es kann deshalb kaum wundernehmen, daß ein Mann wie der Philosoph und Atomphysiker Carl Friedrich von Weizsäcker in die Rolle der Kassandra schlüpft und düster bemerkt, er habe keinen Grund anzunehmen, daß die nächsten dreißig Jahre glatt verlaufen werden. In der Tat steht zu befürchten, daß der Frieden auch im letzten Drittel unseres Jahrhunderts der Ausnahmezustand sein wird. „Es wird immer gefährlicher, auf unserer Erde zu leben“, hat der frühere amerikanische Verteidigungsminister McNamara einmal gesagt. Vielfältige Kriegsgefahren ziehen am Horizont der Zukunft herauf.

Indessen tut Präzisierung not. Wo mag der Friede in Gefahr geraten? Welchen Wurzeln könnten Kriege entspringen? Mit welcherlei Waffen mögen sie ausgetragen werden? Werden sich bestimmte Räume als besonders konfliktanfällig erweisen, andere hingegen von der Plage des Krieges verschont bleiben? Ist der große Atomkrieg zu verhindern? Oder wird die Welt, wenn ihr schon der atomare Untergang erspart bleibt, von einer Fülle kleiner Kriege gequält werden?. Wird jeder Mini-Konflikt das internationale System in seinem Bestand bedrohen oder wird dieses System lernen, um des großen Friedens willen den kleinen Unfrieden zu ignorieren? Gewiß gibt es darauf keine verläßlichen Antworten. Dem Analytiker bleibt nur der Versuch der Extrapolation, die prognostische Verlängerung gegenwärtiger Daten und Erkenntnisse in die Zukunft. Nach zweierlei wird er dabei fragen müssen: Erstens nach dem heutigen Konfliktmuster der Weltpolitik; zweitens nach der möglichen Signatur der internationalen Lage während der kommenden Jahrzehnte.

Bei der Betrachtung des heutigen Konfliktmusters fällt zuvorderst eines auf: in Europa, das jahrhundertelang die Walstatt so vieler Völker war, herrscht Frieden – Frieden jedenfalls im Sinne von Nicht-Krieg. Zwar wird Europa immer wieder von diplomatischen Krisen geschüttelt, ferner bildet es weiterhin den Brennpunkt widerstreitender Interessen und den Haupteinsatz in dem großen Spiel zwischen Ost und West, schließlich bleibt es ein Hort ungelöster, schwierigster Probleme und die einzige Zone der Welt, in der sich die beiden Supermächte auf Sichtweite in direkter und massiver Konfrontation gegenüberstehen. Dennoch, den beiden Berlin-Krisen, der Niederwerfung Ungarns und der Unterdrückung der Tschechoslowakei, zum Trotz, ist es während der letzten 25 Jahre die ruhigste Region der Erde gewesen.

Nach 1956 hat es in Europa keinen scharfen Schußwechsel mehr gegeben. Die Statistik weist für die Alte Welt seitdem nicht eine einzige bewaffnete Auseinandersetzung aus. Im gleichen Zeitraum gab es im Mittleren Osten zehn, in Asien zwölf, in Afrika achtzehn und in Lateinamerika fünf Konflikte. Die weltpolitischen Wetterecken haben sich offensichtlich verlagert; die größten Gefahren für den Weltfrieden gehen nicht mehr von Europa aus.

Der Grund dafür ist die Einbeziehung Europas in jenes zentrale nukleare Gleichgewicht der beiden Supermächte USA und UdSSR, das sich seit Beginn der fünfziger Jahre zunehmend verfestigt hat. Von dem Augenblick an, da Moskau wie Washington über Fernraketen verfügten, verlor der Clausewitz-Satz vom Krieg als der „Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel“ seine Gültigkeit. Als „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“, wie der preußische Theoretiker den Krieg definierte, verbietet er sich von selbst, seitdem die Einsicht regiert, daß solch ein „Akt der Gewalt bis zum Äußersten“ Selbstmord bedeutet. Einen Sieger wird es fortan im totalen Krieg nicht mehr geben, höchstens noch Überlebende; und es ist zu Recht die Frage gestellt worden, ob nicht die Überlebenden die Toten würden beneiden müssen. Nicht einmal ein Überraschungsangriff kann dem Aggressor mehr als einen minutenlangen Vorteil verschaffen, da unverwundbare Vergeltungsstreitkräfte auf beiden Seiten bereitstehen, um selbst aus der Mitte eines völlig verwüsteten Landes oder auch aus den Tiefen der Weltmeere zum tödlichen Gegenschlag auszuholen. Überall, wo sich die Supermächte gegenüberstehen, gilt der Satz: Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter. Solange in den Hauptstädten beider Supermächte die Ratio des Irrationalen waltet, die das waffentechnische Gleichgewicht des Schreckens in ein diplomatisches Gleichgewicht der Vorsicht umsetzt, wird es einen totalen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nicht geben. Eben so lange jedoch wird auch das geteilte Europa, das Kernstück der bipolaren Gleichgewichtsstruktur, gegen große Kriege gefeit sein – allerdings um den Preis einer Versteinerung des Status quo. Denn wer den Schutz des nuklearen Patts beansprucht, muß sich auch seiner politischen Logik beugen. Er muß territoriale Ansprüche entweder ganz preisgeben oder mindestens doch zur bloßen Deklamation verdünnen. Zu Recht hat Alastair Buchan, der Direktor des renommierten Londoner Instituts für Strategische Studien, festgestellt:

„Nur Länder ganz außerhalb oder am Rande des Ost-West-Gleichgewichts können sich noch den Luxus leisten, miteinander um Gebiete zu kämpfen: Indien und Pakistan, Indonesien und seine Nachbarn, bald vielleicht auch die afrikanischen Staaten.“