/ Von Nathias Neutert

Er ist der Philosoph dessen, was noch nicht ist, ein Prozeß-Denker des Zukunftmachens; Verfasser einer ungeheuren Bergpredigt, die Prinzip Hoffnung betitelt ist: eines Großkatalogs der utopischen Vorkommen in der Welt; der Erfinder verschiedener dialektischer Kategorien und des marxistischen Werbeslogans vom aufrechten Gang, von der konkreten Utopie.

Er hat der marxistischen Gesellschaftstheorie das entscheidende Korrelat des anthropologisch Noch-Nicht-Bewußten, dem auf der Seite der Dinge das Noch-Nicht-Gewordene entspricht, und als Grundlage einer dialektischen Welterklärung die Kategorie Möglichkeit und deren Erscheinungsformen erarbeitet. Er spricht vom Reich der Freiheit, ohne zu verleugnen, daß wir nur durch Arbeit, durchs Reich der Notwendigkeit dahingelangen. Ein kompromißloser Denker. Und denkt um die Ecke. Träumt vorwärts, wie Lenin das nannte.

In der Gerhofstraße, einer Einbahnstraße beim Hamburger Gänsemarkt, zwischen Hutladen und Bäckerei, inmitten der Passantendrift fordere ich Auskunft wegen der Podiumsdiskussion mit Fischer und Marcuse, die einige Tage zuvor abgesetzt worden war.

"Das macht ja einen schlimmen Vergleich mit Lübke möglich", meinte er zu Marcuses Absage. Es sei der Sache nicht nützlich, sich der notwendigen Rechtfertigung gegenüber den Studenten so lapidar entzogen zu haben. Doch Fischer habe wohl recht, daß Marcuse ein schlechter Realpolitiker sei, der in der CIA-Affäre subjektiv sich noch immer im Kampf gegen den Faschismus wähnte, als er objektiv, nämlich nach Deutschlands Kapitulation, längst in den Kalten Krieg eingespannt war. Frau Bloch, im knallgelben, praktisch geschnittenen Kleid, bestätigt das per Kopfnicken.

Daß Tatjana, eine junge, politisch aktive Schülerin, nach der Enttäuschung über die abgesetzte Diskussion den Vorschlag gemacht hat, diese doch spieltheoretisch zu simulieren (jemand übernimmt Blochs Rolle, ein anderer die von Marcuse und ein dritter die von Fischer), fand Blochs ernstes Interesse. Es gälte, bei dem revolutionärexperimentellen Charakter solcher Aktionen immer wieder Neues, anderes zu versuchen.

Obgleich er nur wenig Zeit hatte, lud er noch ein, auf ein paar Minuten in ein Café zu gehen. Wir gingen ins kitschig auf wienerisch getrimmte Café Engels, das wir schleunigst in "Marx-Engels"-Cafe umbetitelten.

Zwischen Blochs Art zu schreiben und zu reden besteht wenig Dissonanz. Der Vierundachtzigjährige ist sehr aktiv, federnd, wenn er spricht, kommt, trotz vieler Einschiebsel und Verweise, auch mancher Passagen in Latein, spiralförmig wieder zum Ansatz zurück, diesen als Moment in der dialektischen Denkbewegung aufhebend und weitertreibend.

Blick fürs Nebenbei

Wer nun aber meint, so ein Gespräch sei durchgehaltene Arbeit des Begreifens und handle ausschließlich von Theoriebildung und Gesellschaftspraxis, verkennt das Objektive, das sich selbst im Krankheitslamento noch zu erkennen gibt, oder das philosophisch Hinterhältige in der Beliebigkeit reduntanter Formeln. Bloch besitzt in dieser Hinsicht, was er Benjamin zuordnete: "... einen einzigartigen Blick eben fürs bedeutsame Detail, für das, was nebendran liegt, für die frischen Elemente, die von hier aufbrechen im Denken und in der Welt, für ungewohnt und unschematisch unterbrechendes Einzelsein, das nicht in den Kram paßt und das daher eine eigene, einschwingende Beachtung verdient." Für solch bedeutende Beiseite-Zeichen hat Bloch selber einen mikrologisch-philologischen Sinn. Er scheut nicht verruchte Redensarten, denen er anderen Sinn zuweist, er verknüpft Kalauer-Slogans mit der sogenannten Wissenschaftssprache.

Im Falle Adornos, auf dessen Aufsatz über "Kritik" in der ZEIT ich Bloch aufmerksam machte, erledigte er die Kennzeichnung des philosophischen Standortes mittels einer Anekdote, die Eisler ihm erzählt habe: Adorno, der elegantapathische "Negativist" (eine Bezeichnung, die Bloch polemisch als Kehrbild des von Adorno kritisierten Positivismus verwendet), habe Eisler gegenüber mal melancholisch geäußert, erwünschte angesichts des "Immergleichen" (Adorno) seine philosophischen Arbeiten auf einen Satz zu reduzieren; den Satz auf einen Zettel zu kritzeln, den Zettel in einer Flasche zu verkorken und diese als Flaschenpost weit ins Meer zu werfen, bis daß sie, vielleicht, eines Tages ein Fidschi-Insulaner fände. Eisler soll daraufhin schnoddrigst gefragt haben, was zum Teufel denn der arme Insulaner mit einem Zettel solle, auf dem "Ich bin ein metaphysischer Miesmacher" steht.

Obgleich ein Kürzestgespräch, ging es um Krethi und Plethi, um die Machbarkeit des Wetters, um Gott und die Welt, wobei Gott hegelsch aufgehoben war in der Gottwerdung des gesellschaftlichen Menschen; ums Ganze ging es nach Blochs Formel "Ent oder weder"; das Insistieren auf der Realisierung der Erwartungen, Hoffnungen, Intentionen auf noch ungewordene Möglichkeiten. Da das Gespräch ohne Tonband stattfand, muß ich die Elemente des Dialogs als Kürzel von Aspekten wiedergeben.

Blochs gesellschaftstheoretische Arbeit unterscheide sich von der Marcuses deutlich. Er habe mit dem Kategorialbegriff Möglichkeit das Prinzip Hoffnung gelehrt und den Tatsachensinn für das Mögliche als das Realisierbare trainiert, indes Marcuse seine Oppositionstheorie auf ein Prinzip Ohnmacht stütze: auf die bloß theoretische Negation, die "Große Verweigerung", auf die ethisch-individuelle Reaktion.

Das aber sei Privatisierung der Revolution. Seit Marx sollte der abstrakte Charakter der Utopien jedoch überwunden sein, die Verbesserung der Welt habe als Arbeit im dialektischen Zusammenhang der objektiven Welt zu geschehen, als materielle Dialektik einer bewußt hergestellten Geschichte.

Vorwärts durch Langeweile

Zur Ungeduld der Aktivisten, die sich durch revolutionären Betrieb von den tätig-reflektierenden Gruppen isolieren: "Nur putschhaft vorpreschend oder ein Glück vormachend, von dem nicht gewußt wird, wie man hingelangt, so was ist Schwärmerei und überholt nur scheinbar, obwohl seineVorwärtsbewegung besonders heftig aussieht, es überholt aber nicht die jeweiligen Zustände, sondern überschlägt sich bloß..."

Frau Bloch entschuldigt sich, sie hätte noch Besorgungen zu machen. Da Bloch stark kurzsichtig ist, im Bereich der normalen Sehschärfe fast blind, wickle ich den Zuckerwürfel für ihn aus. Genaues Sehen sei noch kein Begreifen, meint er bezüglich dieses seines Handikaps. Außerdem brauche er nun keine Zeitungen mehr zu lesen, wichtige Arbeiten lese seine Gefährtin ihm vor. Welche Handlungsformen, beispielsweise der Kulturrevolution in China, man als Impulse, als Anstiftungen zu neuen, anderen Praxismustern übernehmen solle, sei jeweils konkret zu prüfen. Wegen der historischen Ungleichzeitigkeit verschiedener Gesellschaftssysteme seien freilich Modelle revolutionären Handelns selten importierbar, besonders im Fall von BRD und Chinesischer Volksrepublik. Da die schon erwähnte historische Ungleichzeitigkeit nicht nur zwischen verschiedenen oder ähnlichen Gesellschaften besteht, sondern innerhalb einer Gesellschaft selber, sei jeder Versuch, nicht notwendige Zwänge abzubauen, kategorisch an Aufhebung gebunden, teils Liquidation, teils Bewahrung.

Welchen Teilen des gesellschaftlichen Systems man sich verweigere, welche Institutionen man benutze oder sogar umfunktioniere, müsse jedesmal neu entschieden werden. Nur undialektischer Anarchismus, rote Romantik, bestehe auf dem totalen Nein, verzichte damit auf jegliche Aktivität und dürfe sich zum Beispiel im Freigehege, das als Nachweis der Toleranz gegenüber Opposition mißbraucht wird, im Kreise der Hippies auf noch infamere Weise als Ware begaffen und ausbeuten lassen.

Welchen Sachverhalt der entfalteten Industriegesellschaft er für ein wichtiges Moment bei der Veränderung der Lebensverhältnisse halte? "Die Langeweile, die sich ausbreitet. Wir haben, wie ich einmal formulierte, im Westen eine pluralistische Langeweile, im Osten eine monolithische. Aber beide, Osten wie Westen, sind geeint in Langeweile. Ein Zeichen von Humanität, daß die Menschen Saturiertheit besitzen können, die nicht im Dienst einer herrschenden Klasse, sondern genau im Dienst einer Bewegung steht. Und der negative oder auch positiv gebrauchbare Ausdruck der Saturiertheit reflektiert sich psychologisch als Langeweile, und darin liegt nun ein Umschlagemoment mit realdialektischen Kraft."

Unerfahrene Revolutionäre meinten oft, legale Machtformen seien opportunistisch, weil die Bourgeoisie auf diesem Gebiet die Arbeiter besonders häufig übertölpelt hat; illegale Kampfmittel aber seien revolutionär. Das sei unrichtig. Revolutionäre, die es nicht verstehen, die legalen Machtmittel, Produktivkräfte zum Herausprozessieren der gesellschaftlichen Widersprüche einzusetzen, seien schlechte Marxisten.

Mittendrin im produktiven Aufbereiten von Fragen mußte Frau Bloch uns unterbrechen. Man sei noch verabredet. Bloch bedauert, und auf meine Frage, welche Position seine Philosophie innerhalb der Jetztzeit einnähme, trinkt er den restlichen Kaffee und formuliert blitzschnell den Slogan: "Meine Philosophie ist eine Nes-Philosophie, es braucht nur noch heißes Wasser draufgegossen zu werden, dann wird ein Kaffee draus, der sich gewaschen hat!"