Kardinal Döpfner ist von den Bistumsstellen Limburg und Mainz der Pax-Christi-Bewegung aufgefordert worden, offen einzugestehen, daß er im Falle Defregger falsche Maßstäbe angelegt habe. Begründung: das Vaticanum II verlange, daß die Bischöfe „in hervorragender und sichtbarer Weise die Stelle Christi selbst einnehmen“. Die Kritiker sagen ausdrücklich, daß sie das menschliche Versagen Defreggers nicht gegen ihn halten wollten, daß sie aber der Meinung seien, er habe sich dadurch für ein Amt in der Kirche disqualifiziert.

Der Erzbischof von München und Freising aber ist überzeugt, daß er nichts einzugestehen habe. In einem am Sonntag von allen Kanzeln verlesenen Hirtenbrief erklärte er, warum er Defregger erst zum Generalvikar und dann zum Weihbischof ernannt hat, obgleich er wußte, daß jener im italienischen Dorf Filetto einen Geisel-Erschießungsbefehl hatte ausführen lassen – nur eine Woche bevor die Alliierten es besetzten.

Als damals ein deutscher Soldat einem Partisanenüberfall zum Opfer gefallen war, wurden 17 Männer zum Teil auf bestialische Weise ermordet. Hauptmann Defregger hatte sich zunächst geweigert, dann aber den Befehl doch weitergegeben. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat erst im Mai 1969 die Ermittlung gegen Defregger wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Mord eingestellt.

Der Kardinal erklärt, er habe die Handlungen des damaligen Offiziers nach moralischen Gesichtspunkten geprüft: Die Weitergabe des Exekutionsbefehls gehöre in „den Bereich jener Verstrickungen, in die eine ganze Generation von Soldaten durch den unseligen Krieg geraten ist“. Nur Gott vermöge zu beurteilen, inwieweit Defregger persönlich schuldig geworden sei. Viele Katholiken und manche katholischen Organisationen sind da anderer Meinung: Der Fall Defregger droht zum Fall Döpfner zu werden.

Dem Außenstehenden, der sich an die Forderung des Stuttgarter Kirchentages erinnert, „dem langjährigen Mißbrauch des christlichen Namens ein Ende zu machen“, kommt der Gedanke, daß diese Forderung vielleicht nicht nur an die Parteien, sondern auch an die Kirchen gerichtet werden müßte. Dff.