Bei der Übertragung des Entwurfes ist eine technische Schwierigkeit nicht ohne Einfluß: Der Freskant (von oben nach unten arbeitend) darf jeweils nur die Fläche des Grundputzes (arricio), auf dem die Sinopie angebracht ist, mit dem intonaco bewerfen, welche er auch wirklich an einem Tag ausmalen kann. Obschon bei diesem Verfahren die Hauptlinien der Sinopie auf dem frischen Naßputz wiederholt werden, ist der Flächenzusammenhang gestört. Zudem mag der Umstand, daß keinerlei Korrekturen möglich sind, die Verwendung bewährter formaler Bildungen begünstigen.

Die Konfrontation mit der weißen Fläche, eines der heroischen Abenteuer der europäischen Kunst, wurde mit dem Aufkommen der mathematischen Perspektive anscheinend ein riskantes Unternehmen. Ohne daß die Sinopie ganz außer Gebrauch geraten wäre (Ghirlandaio ist dafür ein Zeuge), hat man sich nach anfänglichem Schwanken – Castagnos "Hieronymus" gibt ein interessantes Beispiel – etwa um die Mitte des Quattrocento für den Gebrauch des Kartons entschieden. Dieser, bereits früher als Arbeitserleichterung beim Malen stereotyper Ornamentformen verwendet, besitzt den Vorteil, daß sich die Zeichnung detailgenau auf den intonaco übertragen läßt: Man perforierte die Umrißlinien, legte den in giornate zerschnittenen Karton stückweise auf den Putz und pauste die Darstellung mit Holzkohlenstaub durch. Bei genauem Betrachten kann man etwa bei Piero della Francescas herrscherlichem Jünglingskopf rings um die Augen und am Lockenansatz kleine schwarze Punkte entdecken: die spolveri des Durchpausens. Sobald es dem Künstler darauf ankam, nicht nur die Konturen wiederzugeben, sondern auch möglichst viel vom Duktus der Zeichnung zu erhalten, fuhr er die Linien des auf dem intonaco befestigten Kartons mit spitzem Eisenstift nach: Andrea del Sartos Scalzo-Fresken sind ein imponierendes Zeugnis für die dadurch erzielte Lebendigkeit.

Die Ausstellung ist das Ergebnis einer restauratorischen Meisterleistung, und als solche muß sie gewürdigt werden. Die Anforderungen an den Besucher sind nicht gering, er sollte imstande sein, die parallel gezeigten Schichten, Sinopie und Fresko, übereinander zu sehen und somit beide Teile wieder in den ursprünglichen Zusammenhang beim Entstehungsvorgang zu integrieren. Darüberhinaus aber ist die Ausstellung ein Ereignis von höchstem künstlerischen Rang.