Das Viertel? Jahrhundert-Jubiläum der Volksrepublik Polen, das letzten Dienstag in Warschau gefeiert wurde, hätte genug Anlaß geboten, historische Erinnerungen und aktuelle Deutschlandpolitik auf übliche Art zu verquicken. Warschau hat – wohl zum erstenmal in der Tradition seiner patriotischen Gedenktage – dieser Versuchung bewußt widerstanden.

Gomulka selbst gab in seiner Festrede vor dem Parlament den gedämpften sachlichen Grundton dazu an. Sie enthielt fast nichts von der heißen Atmosphäre jenes Manifestes, mit dem das kommunistisch geführte Lubliner Komitee am 22. Juli 1944 zum Endkampf gegen die Deutschen und zum Beginn einer neuen nationalen und gesellschaftlichen Existenz aufrief. Damals war vom "großen slawischen Wall" gegen die "germanische Flut" gesprochen worden, ja, von der "Stunde der Revanche an den Deutschen", die nun geschlagen habe, von Vergeltung "für Leiden und Qualen, für verbrannte Dörfer, zerstörte Städte, Kirchen und Schulen, für Verhaftungen, Lager und Erschießungen, für Auschwitz, Majdanek und Treblinka".

Nirgendwo in Polen hat man jetzt an diesen Text erinnert, obschon die Gefühle nicht stumm blieben. Aber Bitterkeit und Haß sind hinter dem berechtigten Stolz auf das inzwischen Erreichte verblaßt. Davon sprach Gomulka vor allem. Anders als Willi Stoph, sein Gast aus der heute verbündeten DDR, riet der polnische Parteichef sogar zu Geduld mit Bonn: Sosehr Gomulka auf den Nachkriegsgrenzen besteht, er erwartet die Antwort auf seinen Vorschlag vom 17. Mai nicht vor den Bundestagswahlen. Dazu riet ihm offenkundig sein Blick für politische Realität, den dieser Kommunist sich trotz ideologischer Sehstörungen in 25 bewegten Jahren bewahrt hat.

Hansjakob Stehle