Bonn

Abschiedsstimmung machte sich links und rechts des Rheines breit. Am 1. Juli sollten die Städte Bonn, Beuel, Bad Godesberg und acht weitere Gemeinden zu einem neuen Groß-Bonn von knapp 300 000 Einwohnern vereinigt werden. Nachdem die rechtsrheinischen Beueler bei ihrer, wie sie meinten, letzten Stadtratssitzung über die Zusammenlegung einer Konfessions- mit einer Gemeinschaftsschule sich noch einmal heftig in die Haare geraten waren, gingen sie zum feierlichen Part über. Sie stießen auf ein Beuel ohne den Zusatz Bonn an und kürten ihren Bürgermeister zum Ehrenbürger.

Die Godesberger Repräsentanten, zum Ausklang jeden Mißton meidend, erinnerten bei ihrer Schlußversammlung noch einmal an die aus dem 14. Jahrhundert stammende Verwaltungseinheit, die selbst die Franzosen und die Preußen nicht anzutasten wagten. Nun sollte sie einem "Gesetz aus der Mottenkiste der überholten Eingemeindungsära" (Godesberger CDU-Fraktionsvorsitzender Frerichs) zum Opfer fallen. Wie groß den Godesbergern dieses Opfer schien, ist daran zu ermessen, daß sie gleich vier Empfänge anberaumten, um es gebührend zu würdigen.

Auf der festlichen Abschiedssitzung der Kreistagsabgeordneten des Landkreises Bonn überlagerten gegenseitige Dankesbezeugungen alsbald die aufkommende Kritik an dem Raumordnungsgesetz. Man tauschte Ehrenringe, Kristallaschenbecher und Zinnbecher aus.

Die lokale Presse wußte jedoch noch von anderen Abschiedsgeschenken zu berichten. So erhielt der Amtsdirektor der Vorortgemeinde Duisdorf, Janssen, seine Dienstwohnung, deren Wert samt Grundstück auf 250 000 Mark geschätzt wird, vom Landkreis für 130 000 Mark. Janssen: "Die Stadt Bonn wollte mich nicht übernehmen, ich weiß nicht aus welchen Gründen. Also muß ich damit rechnen, daß ich ausziehen muß, wenn die Stadt das Haus übernimmt. Und diese Schmach wollte ich mir und meiner Familie ersparen."

Auch die Godesberger Villa des Oberkreisdirektors ging für 250 000 Mark in dessen Privatbesitz über. Allein das 2000 Quadratmeter große Grundstück soll nach zuverlässigen Schätzungen einen Wert von 400 000 Mark haben.

Zur Vernunftsehe gezwungen, suchte man zuvor, die kommunalen Weinkeller und Repräsentationsfonds zu leeren. Die Beueler Stadtoberen fuhren kurz vor Toresschluß mit großem Aufgebot in die französische Stadt Mirecourt, um dort noch eine Partnerschaft zu besiegeln. Die Godesberger Bürgermeister unternahmen eine Zehn-Tage-Reise in ihre türkische Patenstadt. Allein in Meckenheim-Merl kam der Griff in den Steuersäckel auch der Bevölkerung zugute. Dort erhielt jeder Bürger einen Zwanzigmarkschein aus der Gemeindekasse für die Kirmes. Mit dem Unvermeidlichen hatte man sich offensichtlich auf die unterschiedlichste Weise abgefunden.