Unser Kritiker sah:

HAMLET

Von Shakespeare Bad Hersfelder Festspiele, Stiftsruine

Durch Gerhard F. Herings entschiedene Schauspielerführung wurde eine Chance Hersfelds sichtbar, mit der dieses Theater über die üblichen Sommertheater herausragen kann. Er inszenierte den „Hamlet“ aus der Sprache. Aber vor dem Anspruch der wenig veränderlichen Monumentalszenerie mußte stellenweise sogar er verzagen. Positiv reagierte er auf den Spielort, indem er in die Vertikale strebte. Die Hilfskonstruktion, die ihm Heinz Ludwig für zwei hohe Königsthrone baute, überzeugte allerdings mehr funktionell als formal. Horizontal brachte die Regie Haupt- und Seitenbühnen zwanglos ins Spiel durch schlichte Bänke neben Pfeilern, wohin die Blicke der Zuschauer durch Punktscheinwerfer geführt wurden. Warum Hering aber auf die Schlußapotheose des toten Hamlet, die von Fortinbras ausdrücklich angeordnet wird, verzichtete, war unbegreiflich.

Hering wählte die Schlegel-Übersetzung und verpflichtete sich damit zu einer romantischen „Hamlet-Inszenierung. Diesem Grundsatz blieb er allerdings nicht treu. Erla Prollius zum Beispiel war keine romantische Ophelia, sondern eher heldisch-tragisch gestimmt. Sie glänzte mit einer Wahnsinnsszene, motiviert mehr durch den Tod ihres Vaters Polonius als durch die abgewiesene Liebe zu Hamlet. Alexander Kerst wirkte als Claudius wie ein rational durchaus akzeptabler, persönlich sogar sympathischer König.

Michael Degens Hamlet war angesichts seines von Anfang an rasenden Rachebedürfnisses von keines zweifelnden Gedankens Blässe angekränkelt; so hätte man ganze Partien des von Hering gewählten Romantikertextes getrost streichen oder Hans Rothes „Hamlet“-Version spielen können.

So sehr Herings Regisseurenergie imponierte, seine „Hamlet“-Interpretation hatte Lücken. Durch Striche im Text oder Dämpfung politisch wichtiger Stellen reduzierte sie ein Drama, das zeigt, wie Geschichte gemacht wird („Es ist etwas faul im Staate Dänemark“), auf die Kriminalstory im Familienkreise. Aber das ist ein Einwand gegen eine Inszenierung von sonst hohem Niveau. Er spricht nicht gegen, sondern für den möglichen Rang Hersfelds als Stadt von Festspielen. Johannes Jacobi