Washington, im Juli

Wie stellt sich Washington die ostasiatische Staatenwelt und ihr Verhältnis zu den USA nach Beendigung des Vietnam-Krieges vor? Ähnlich wie der Kampf in Vietnam „vietnamisiert“ werden soll, damit die amerikanischen Streitkräfte schrittweise zurückgezogen werden können, sollen auch die politischen Bündnisse in Ostasien entamerikanisiert werden. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben die USA bündnisscheu gemacht. Deshalb hat Nixon keine Wiederbelebung des moribunden Südostasienpaktes SEATO und auch keine neue Allianz mit direkter amerikanischer Beteiligung im Sinn, sondern ein Sicherheitssystem der nichtkommunistischen Länder Asiens untereinander.

Amerika ist bereit, einem solchen Gebilde seinen Segen oder, wie der neue Slogan lautet, „Deckung hinter dem Horizont“ zu gewähren. Das bedeutet, daß die asiatischen Bündnispartner interne und regionale Konflikte unter sich austragen und daß die USA nur im äußersten Fall der Bedrohung durch eine kommunistische Großmacht Hilfe leisten würden. Wirtschaftliche und technische Unterstützung dagegen würden die USA in großzügiger Weise zur Verfügung stellen, besonders dann, wenn es den asiatischen Ländern gelingt, eine Art sicherheitspolitische Selbsthilfe zu organisieren, so daß den Amerikanern neue politische und militärische Verwicklungen erspart bleiben.

Sollten diese Voraussetzungen eintreffen, dann würden die Vereinigten Staaten die Rolle der militärisch präsenten, stets eingreifbereiten Ordnungsmacht in Ostasien aufgeben. Sie würden ihre Interessen nur noch durch Fernsteuerung vertreten. Aber die Solidität eines solchen Systems erscheint fragwürdig, insbesondere im Hinblick auf die unverminderte Präsenz der Sowjetunion und Chinas in Asien. Das Denkmodell trägt die Zeichen eines Kompromisses zwischen den Wünschen der desillusionierten, isolationistischen Kräfte in den USA, mit denen das Weiße Haus immer mehr rechnen muß, und den Sicherheitsvorstellungen eines global orientierten Präsidenten.

Nixon wird seinen asiatischen Gesprächspartnern natürlich nur grobe Umrisse des neuen Konzepts aufzeichnen. Verhandlungen sind nicht vorgesehen. Dazu würde bei den jeweils eintägigen Hauptstadtbesuchen die Zeit auch gar nicht reichen, Es wird Nixon ohnehin Mühe kosten, die Ängste vor einer kommunistischen Expansion nach dem Abbau der amerikanischen Position zu zerstreuen, besonders in Thailand. Er wird auf allerhand Mißtrauen stoßen, ob das nichtkommunistische Ostasien nicht einmal den Preis für eine sowjetisch-amerikanische oder vielleicht später für eine chinesisch-amerikanische Verständigung bezahlen muß.

Der Präsident wird mancherlei Zusicherungen geben müssen. Seine Glaubwürdigkeit wird vor allem davon abhängen, ob es den Vereinigten Staaten gelingt, den Vietnam-Krieg passabel zu beenden. Eine noch so gut verschleierte Kapitulation würde einen Schatten auf die Bemühungen der Amerikaner werfen, ein lebensfähiges Paktsystem in Ostasien zu schaffen.

Ernst Wilhelmi