Der Wissenschaftsrat hat das Studium und die Bedingungen der Forschung für die Agrarwissenschaften neu geordnet. Seine Empfehlungen treffen kein Massenfach, die "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden" auf diesem Gebiet umfaßt sieben Fakultäten mit nicht mehr als insgesamt 2200 Studenten. Von der kleinen Zahl auf ein geringes Interesse der Öffentlichkeit zu schließen, wäre freilich ein Irrtum. Noch während die Empfehlungen in der Expertenkommission beraten wurden, setzten die politischen Freunde der Landwirtschaft ihre Gebetsmühlen schon unter Protest in Gang. Denn die Reform tastet eine heilige Kuh an, zu deren Hüter sich im Wahljahr besonders viele Interessenten berufen fühlen.

Kernpunkt der Empörung ist die empfohlene Schließung von drei der sieben Landwirtschafts-Fakultäten, und zwar an den Universitäten Kiel, Berlin und Gießen. Dafür sollen die Agrarwissenschaften an den Universitäten Göttingen, Hohenheim, Bonn und Weihenstephan (TH München) ausgebaut werden.

Die angestrebte Konzentration wird mit dem enormen Investitionsbedarf der Agrarwissenschaften begründet. Um sich den wissenschaftlich-technologischen Fortschritten ihrer Wissenschaft anzupassen, hatten die sieben Fakultäten 477 Millionen Mark für Bauvorhaben gefordert. Dieses Investitionsprogramm auf sieben Orte und 2200 Studenten verteilt durchzuführen, fand der Wissenschaftsrat unvertretbar. "Bei einer Konzentration könnten die Bauten intensiver genutzt und die Mittel effizienter verwendet werden", heißt es. Von der Liste gestrichen wurden solche Fakultäten, die in der vorhandenen Ausstattung die geringsten Chancen für eine lohnende Weiterentwicklung bieten. So hat die Fakultät in Kiel beispielsweise nur einen Mini-Etat von 360 000 Mark im Jahr zur Verfügung – ein Betrag, mit dem auch das beste Forscherteam nicht viel anfangen kann. Zum Vergleich: Die Forschungsanstalt für Landwirtschaft des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Braunschweig-Völkenrode hat ein Jahresbudget von 16 Millionen Mark.

"Die bestehenden landwirtschaftlichen Fakultäten", sagte Professor Julius Speer, der den Vorsitz in der Kommission des Wissenschaftsrates führte, "können bereits heute den Anforderungen der Forschung nicht mehr gerecht werden, da ihre personelle Besetzung und apparative Ausstattung nicht das erforderliche Maß der intensiven Zusammenarbeit spezialisierter Forscher gestatten." Speer, der sich noch niemals dem Vorwurf mangelnder Offenheit aussetzte, forderte deshalb den energischen und unverzüglichen Ausbau der vier verbleibenden akademischen Landwirtschaftsstätten zu Hochleistungsfakultäten.

Die Experten haben gesprochen. Mehr noch, sie erarbeiteten ihre Empfehlung auf ausdrücklichen Wunsch von Bund und Ländern. Daß sich jetzt die betroffenen Fakultäten und Universitäten aufregen, daß sich Senate "geschlossen hinter die Forderung stellen, die Fakultät zu erhalten", ist nicht verwunderlich. Daß aber die Politiker dieses Spiel wider besseres Wissen mitspielen und sich den Fakultäten als Helfershelfer anbieten, ist eine ziemlich fadenscheinige Verschleierung der offen dargelegten Problematik. Sie beschwören die regionale Funktion der Fakultäten in Gießen, Kiel und Berlin, sie unterbieten sich gegenseitig in beschönigenden Zahlen über die "billige" Ausbildung ihrer Studenten und überhören geflissentlich die Einwendungen ihrer Finanzminister, die es besser wissen.

Auch Bundespolitiker beteiligen sich schon an dem Wehgeschrei, getreu nach dem Motto: "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß!" Auf Initiative der CDU-Landesgruppe Hessen hat die Unionsfraktion im Bundestag einen Antrag eingebracht, in dem der Abgeordnete Berthold Martin die Empfehlung des Wissenschaftsrates, die Landwirtschaftsfakultät Gießen zu schließen, schlicht als "nicht richtig" bezeichnet. Martins Wahlbezirk ist Gießen, und die Landwirtschaft ist immer noch ein schönes, emotionales Thema, und so billig – jedenfalls solange der Wahlkampf währt.

Nina Grunenberg