So etwas habe er, erzählte mir ein Mann, den prüde zu nennen ich bisher noch keine Gelegenheit hatte, so etwas habe er seit den Latrinenmalereien seiner Soldatenzeit nicht wieder gesehen. Er meinte die Wandmalereien in der Münchner Akademie der Bildenden Künste.

Wer durch die Gänge der Münchner Akademie wandert, kann in der Tat feststellen, daß in der Terminologie der Kunststudenten die Fäkalsphäre einen erstaunlich breiten Raum einnimmt. Das Töpfchen scheint immer noch ein unbewältigtes Stück Möbel der deutschen Kleinkinderstube zu sein. Andererseits: wurde im Freistaat Bayern nicht seit eh und je eine kräftig anschauliche Umgangssprache gepflegt? Weder mit einer unverdauten Töpfchen- Jugend noch mit der bayerisch herzhaften Atmosphäre erklärbar schienen allerdings gewisse schlicht irrational wirkende Sprüche wie zum Beispiel dort jener: „Huber ist ein Onanist.“Ausgerechnet der? Nein, das doch wohl kaum. Oder?

Wochenlang schien das bayerische Kultusministerium die akademischen Wandmalereien und die übrigen Aktionen der Kunststudenten für im Rahmen des bayerisch Üblichen und in München Möglichen zu halten. Dann auf einmal, als das Semester beinahe schon vorüber war, wurde man aktiv und knallte mit dem Datum vom 7. Juli dem Präsidenten eine Entschließung auf den Tisch, derzufolge er wöchentlichen Rapport über „strafbare Handlungen“ seiner Studenten erstatten, scharfe Ausweiskontrollen einführen und bei Zuwiderhandlungen gegen Hausverbote umgehend die Polizei verständigen sollte. Ganz nebenbei wurde im ministeriellen Erlaß auch noch die Ablehnung zweier von den Studenten gewünschter Neuberufungen für die Fächer Soziologie und Kunstgeschichte mitgeteilt und die Schließung des von Studenten auf dem Akademiegelände eingerichteten Kindergartens gefordert.

Der Senat der Akademie protestierte gegen diese Maßnahmen, und Professor Nestler, der zu einem Dasein als Polizeibüttel weder Neigung noch Talent hat, trat von seinem Amt als Präsident der Akademie am 14. Juli zurück.

Das wiederum war die Stunde für den CSU-Abgeordneten Merkt, der am 16. Juli im bayerischen Landtag die mündliche Anfrage vorbrachte, welche Maßnahmen das Staatsministerium für Kultus und Unterricht zu ergreifen gedenke, um den „skandalösen und anarchistischen Zuständen an der Münchner Akademie der Bildenden Künste ein Ende zu bereiten“.

Der Einsatz klappte perfekt: Nach einer, wie die Chronisten vermeldeten, „tumultartigen Debatte“ wurde vom Landtag am 17. Juli die sofortige Schließung der Akademie bis zum 31. Oktober angeordnet. Außerdem wußte der Kultusminister mitzuteilen, daß der Staat sich Schadensersatzansprüche gegen Professor Nestler vorbehalte, da dieser „pflichtwidrig“ die Sachbeschädigungen in der Akademie nicht verhindert habe.

„Huber ist ein Onanist“? Nein, auch so herum gibt’s keinen Vers. Denn an dieser Politik des bayerischen Kultusministers wird auch Ludwig Huber nicht mehr lange seine Freude haben.

Petra Kipphoff