Es gibt Mißerfolge, die sinnvoll sind, und es gibt Erfolge, die problematisch sind. Der Stuttgarter Kirchentag ist, so scheint mir, ein problematischer Erfolg gewesen, jedenfalls wenn man ihn in seiner Gesamtheit wägt.

Vordergründig betrachtet, hat er viele Merkmale des Erfolges aufzuweisen: Er ist nicht nur "gut über die Runden gekommen", er ist nicht nur außerordentlich publikumswirksam gewesen, er hat auch wieder den Bannkreis der traditionellen Kirchlichkeit zu durchbrechen vermocht, und er hat es vor allem verstanden, die Jugend zu interessieren. Was ihm in den fünfziger Jahren durch sein gesamtdeutsches Engagement an außerkirchlicher Wirkung zuteil wurde, das erreichte er diesmal durch die Einbeziehung der revolutionären Unruhe, die die Jungen erfaßt hat. Und das ist zweifellos ein Positivum.

Der Kirchentag ist nach dem Gesetz des Öffentlichkeitsauftrages der Kirche angetreten, er muß auch heute – sofern er seinem Prinzip treu bleiben will – über den innerkirchlichen Bereich hinaus zu wirken bemüht sein. Aber eben hier setzt die kritische Frage ein, die den Erfolg des Stuttgarter Kirchentages auch problematisch erscheinen läßt.

Wer an den Veranstaltungen des Kirchentages teilgenommen hat, konnte wohl den Eindruck gewinnen, daß weniger die Kirche ihren Öffentlichkeitsauftrag wahrgenommen hat, als daß vielmehr Kräfte der politischen Öffentlichkeit einen Wirkungsauftrag gegenüber der Kirche usurpiert haben. Es schien häufig so, daß die politische Gesellschaft mit ihren Problemen der Kirche das Gepräge gab und nicht die Kirche mit ihrer Botschaft der politischen Gesellschaft – auch wenn die Berichterstattung den Blick immer wieder auf die Arbeitsgruppen mit speziell kirchlichen oder theologischen Themen zu lenken bemüht war.

Seien wir doch ehrlich: Das Interesse der meisten Jugendlichen galt weniger der Kirche an sich als dem politischen Faktor Kirche in der Gesellschaft. Der Kirchentag wirkte daher nicht wie ein Kraftfeld mit eignem Magnet, sondern eher wie ein Forum gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen. Dies soll freilich nicht den Schluß nahelegen, daß Politik und Gesellschaft wieder aus dem Raum der Kirche verdrängt werden müßten, wie manche Pietisten und Traditionalisten es wünschen. Die Kirche ist ein Teil der Gesellschaft und muß mit ihr in Osmose stehen. Ein Kirchentag, der dazu beitrüge, daß die Kirche wieder in eine Art Getto zurückkehrt, wäre schlimmer als gar keiner. Von Anfang an war es sein Bestreben, die Kirche an die Welt zu weisen und sie aus ihren Traditionen der Introvertiertheit herauszuführen.

Aber gerade diese Aufgabe verpflichtet auch zur Reflektion seiner Bedingungen. Wer sich auf eine Auseinandersetzung mit der Welt einlassen will, muß sehr genau überprüfen, ob seine Voraussetzungen dafür ausreichen. Eine Kirche, die kaum angefangen hat, eine Reform ihrer überkommenen Strukturen in Angriff zu nehmen, ist möglicherweise gar nicht gerüstet, einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu leisten. Es besteht die Gefahr, daß sie ins Schlepptau der stärkeren Kräfte in der Welt gerät oder daß sie sich an zu schweren Gewichten verhebt.

Nicht der nach 1945 wiederentdeckte Öffentlichkeitsauftrag der Kirche stimmt nachdenklich, sondern die allzu unbekümmerte, unvorbereitete Öffnung, die immer schärfer werdende Diskrepanz zwischen Öffentlichkeitsanspruch und faktischer Leistung der Kirche. Wenn diese Diskrepanz nicht schleunigst verringert wird, ist beides bedroht: der Bezug der Kirche zur Welt und die innere Regenerationskraft der Kirche – was eng miteinander verbunden ist.