„Professor Mmaa’s Vorlesung“, Roman von Stefan Themerson. An verwandte Vorgänger wie Swifts „Gullivers Reisen“ und Butlers „Erewhon“ kommt dieser groteske, satirische Science-Fiction-Roman, der 1943 entstanden ist und in einem Termitenstaat unter der Erdoberfläche spielt, zwar bei weitem nicht heran, doch streckenweise macht es schon Spaß, ihn zu lesen. Vor allem, wenn Professor Mmaa an der Termitenuniversität über „eines der gewaltigsten Experimente in der Geschichte der Termiten“ doziert, über die Erforschung eines für die Termiten bislang fremden Wesens namens Mensch. Themerson nützt die Gelegenheit, dabei oft recht komisch Positivismus, Metaphysik, Psychoanalyse, Phänomenologie, Erkenntnistheorie und den akademischen Jargon pointiert zu parodieren. Der Mensch zeigt sich den Termiten als eine höchst phantastische und verrückte Maschine, und das Buch versteht es, ihn oft aus einer reizvoll fremdartigen Perspektive zu zeigen. Für die Beschreibung der Welt der Termiten gilt aber leider, was Michel Butor über die Schwäche der meisten Science Fiction schrieb: „Man hat die Tore sperrangelweit aufgerissen, um auf Abenteuer auszuziehen, und es stellt sich heraus, daß man nur um das Haus herumgegangen ist.“ Der Termitenstaat entspricht aufs Haar den Staaten, über die wir jeden Tag in den Zeitungen lesen. (Vorwort von Bertrand Russell; Verlag Rogner & Bernhard, München; 256 S., 19,– DM)

Siegfried Schober

„Na, komm! Babetts schwerer Weg ins Glück“, von Jürgen Schimanek. Der Verfasser läßt sich im Verlagstext als Berufswestfalen bezeichnen. Damit dürfte beinahe schon genug gesagt sein. Babett erweist sich als eine Art von westfälischer Neuausgabe der Tulla Pokriefke, wenn ich denn die merkwürdige Sprache, deren sie sich bedient, für den Versuch halten darf, westfälisches Idiom schriftlich wiederzugeben. Irgendwie scheint die Gute immer nur das eine im Kopf zu haben, nach der unbewiesenen, aber zur Maxime erhobenen Behauptung: „Säsar war auch sonn alter Fückspecht.“ Allerdings kommt es innerhalb dieser Broschüre vor lauter Artikulationsproblemen kaum je dazu. Westfälisch deftige Zweisamkeit, zeitweilig urlaubsweise ins Sauerland verlegt. Das Ganze illustriert mit albernen Inseraten. (Melzer Verlag, Darmstadt; 48 S., 5,– DM) Helmut Salzinger

„LTI, die unbewältigte Sprache“, von Victor Klemperer. Je mehr Abstand wir zu Klemperers 1946 erstmals erschienener Lingua Tertii Imperii gewinnen, um so mehr treten die politisch-moralischen Seiten seines Buches gegenüber den sprachkritischen in den Vordergrund. Hinter der Deformation der Sprache, die der verfolgte und untergetauchte Romanist mit dem gelben Stern auf der Brust beobachtete, werden Verhaltensweisen sichtbar, das Modell einer totalen Anpassung. Erschütternd zu lesen, wie selbst Juden 1933 diesem Sog zum Opfer fielen. Klemperer, der seine Sinne und seinen Verstand im Inferno beisammen behielt wie wenige, treibt in diesem Tagebuch eines Philologen erlittene Zeitkritik und liefert eine noch immer nicht völlig ausgewertete Stoffsammlung der Nachwelt ab: Aus Büchern wie diesen wird die Zukunft ihre Kenntnis über die NS-Zeit beziehen, wenige spiegeln getreuer den Alltag im sprachlichen Ausdruck. Einige Kapitel sollte man in den Schulen schon heute zur Pflichtlektüre machen, (dtv 575, Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 287 S., 3,80 DM)

Martin Gregor-Dellin

„Marco Polos Koffer“, von Rainer Brambach & Jürg Federspiel. Im Vorwort legen Brambach/Federspiel ihr Koproduktionsverfahren dar: sich auf „ein paar Worte, eine Gestalt, eine Situation, eine Stimmung“ zu einigen, einer geringfügig variierten Schreibspielanleitung zu folgen und dann abwechselnd aufzuschreiben, was ihnen zum Thema einfällt (zu „Kranz“ ist das nicht mehr als eine „Schwanz“-Pointe; dafür läßt sich Frau Holle eine Liaison mit dem „Bock vom oberen Stock“ andichten, der Schneemann ist; je nachdem regieren Katzen die Welt oder Kegel die Bahn, wird Grabbe geehrt als „armer Hund“ und Céline, „nobel, / im Zeitalter aus Eiter“). Wäre man nicht darauf aufmerksam gemacht worden, daß sich die beiden Autoren hier auf Grund eines „Bedürfnisses“ „von der Ichbezogenheit gelöst haben und in Kettenreaktionen zur Dualität der Aussage vorgedrungen sind“ – man wäre versucht, diese Texte für nicht sonderlich extravagante moderne Prosagedichte zu halten, spielerisch, phantastisch, meist lakonisch, manchmal preziös oder banal, unterschiedlich geglückt. So zeigen sie, daß die Quantität der beteiligten Autoren nicht unbedingt in eine einzigartigneue Qualität der Texte umschlagen muß, jedoch auch, daß mehrere Köche nicht zwangsläufig den Brei verderben. (Diogenes Verlag, Zürich; 56 S., 9,80 DM) Rainer Zimmer