Indien, zuweilen als die „größte Demokratie der Erde“ bezeichnet, hat dramatische Tage hinter sich. Am 13. Juli nominierte die Delegiertenversammlung der Kongreßpartei entgegen dem Vorschlag der Ministerpräsidentin Indira Gandhi den bisherigen Parlamentspräsidenten Gandhi Reddy, einen Mann des rechten Parteiflügels, zum Präsidentschaftskandidaten. Der von Frau Gandhi unterstützte Kandidat Giri gab sich daraufhin keineswegs geschlagen und meldete seine Kandidatur als Unabhängiger an.

Am 16. August, wenn die Parlamentsabgeordneten der Union und der Einzelstaaten zusammentreten, um das durch den Tod des bisherigen Präsidenten Zakir Husain vakant gewordene Amt neu zu besetzen, werden sie erstmals in der Geschichte der indischen Demokratie zwischen zwei opponierenden Kandidaten aus der Kongreßpartei zu wählen haben – und damit die Einheit der Partei auf eine entscheidende Probe stellen.

Vor wenigen Tagen holte die von ihrer Partei desavouierte Indira Gandhi zum Gegenschlag aus und entließ ihren konservativen Rivalen, Morarji Desai, aus der Behörde des Premierministers. Es hieß, unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten über die künftige Wirtschaftspolitik des Landes seien der äußere Grund gewesen. Desai trat daraufhin auch als Vizepremier zurück, und die Spaltung der Partei schien unmittelbar bevorzustehen.

Die Krise ist inzwischen noch einmal abgewendet worden. Indira Gandhi sagte dem offiziellen Kandidaten der Partei, Sanjiva Reddy, ihre Unterstützung zu, und Desai gab eine Loyalitätserklärung für die Ministerpräsidentin und ihre Regierungspolitik ab. Zugleich aber setzte sie im Hauptgegenstand des Streits zwischen ihr und Desai, dem künftigen Status der Banken, ihren Willen durch und ließ die 14 größten Banken Indiens auf dem Verordnungswege verstaatlichen.

Die Ursachen der Krise bestehen fort. Die Partei des gesamtindischen Kongresses, wie ihre offizielle Bezeichnung lautet, ging aus der Unabhängigkeitsbewegung Mahatma Gandhis hervor und ist bis heute die einzige relevante politische Kraft, die – überkonfessionell und überregional – die einzelnen Klassen und Kasten verbindet. Dadurch ist sie jedoch selber zu einer komplizierten Koalition geworden, für die jede innere Krise eine schwere Belastungsprobe bedeuten muß.

Im Hintergrund der jüngsten Krise um Partei und Regierung sind die Mandatseinbußen der Kongreßpartei bei den Wahlen in vier Einzelstaaten im Frühjahr dieses Jahres zu sehen. Sie veranlaßten allgemein zu dem Schluß, daß die Partei auch bei den spätestens im Jahre 1972 stattfindenden Wahlen zum Bundesparlament nicht mehr die absolute Mehrheit der Sitze erhalten werde. In ihren Bemühungen um eine Regierungsbildung stünde sie dann unter Koalitionszwang mit den Parteien links oder rechts von ihr. Das aber müßte den zerbrechlichen Bogen der parteiinternen Koalition vollends überspannen. Die Folge wären wahrscheinlich große Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung und überaus labile innenpolitische Verhältnisse.

Diese ungünstigen Aussichten gelten zwar erst für die Zeit nach 1972. Dennoch haben sie schon jetzt den Streit um die Präsidentennachfolge entscheidend beeinflußt.