Düsseldorf

Die sprichwörtliche Heiterkeit im Rheinland, mitunter eine gepfefferte Mischung aus Mutterwitz und Schadenfreude, überstieg das gewohnte Maß im Haus des Ministerpräsidenten, als Heinz Kühn seinen Gästen das Geheimnis verriet: „Franz Meyers wird mein Kommissar!“ Die zunächst verblüfften Zuhörer schlugen sich auf die Schenkel vor Vergnügen und wähnten sich in dem Glauben, fröhliche Opfer eines Possenreißers zu sein. Am 1. Juli 1969 aber war der Witz zur Gewißheit geworden ...

Der sozialdemokratische Regierungschef in Nordrhein-Westfalen, Heinz Kühn, Nachfolger des christdemokratischen Ministerpräsidenten Franz Meyers, hat seinen Erzrivalen von 1966 zum politischen Beauftragten der Landesregierung in Groß-Bonn gemacht. Die kommissarische Tätigkeit entspricht der Position eines ernannten Oberbürgermeisters, der bis zur Kommunalwahl im November regiert. Durch die gesetzlich verfügte Zusammenlegung von Gemeinden und Städten entstand Groß-Bonn, das zunächst ein Provisorium ohne Parlament ist. Laut Verfassung muß daher für die Übergangszeit ein „Beauftragter“ der Landesregierung fungieren.

Die Idee, ausgerechnet Franz Meyers in eine solche Rolle zu drängen, war den Düsseldorfer Koalitionsbrüdern Kühn (SPD) und Weyer (FDP) bei einem Glas Wein gekommen. Richtschnur aller Überlegungen: Erstens ist Meyers Ansehen ungeschmälert gut, zweitens sollte ein Christdemokrat im CDU-beherrschten Gebiet regieren, und drittens würde dieser Mann dann, wenn auch ungewollt, die vom Kabinett mit Hochdruck betriebene Verwaltungsreform allseits vertreten. Ministerpräsident und Innenminister dachten dabei, wie ärgerlich beispielsweise die Bad Godesberger auf die Eingemeindung reagierten und wie die CDU sich auf den Wogen erhitzter Lokalgemüter hochschaukeln will.

Im Landtag hatte es deswegen erbitterte Debatten gegeben. Franz Meyers allerdings, seit seinem Sturz ein nur wenig beschäftigter Polit-Pensionär mit Landtagsmandat, scherte die CDU-Taktik nicht. Nie sprach er gegen die Zusammenlegung, immer aber gab er zu erkennen, das Kühn-Angebot anzunehmen, lieber heute als morgen. Freilich, als die Union säuerlich bis böse reagierte, verwandelte sich Meyers flugs in einen schweigenden Lazarus, der plötzlich in den Schweizer Bergen etliche Wochen kurte. Dort ertrug er am besten die Reaktionen erboster Parteifreunde: „Meyers darf doch nicht Kühns Briefträger werden ...“

Schließlich mußte aber die CDU nachgeben, wenn auch zähneknirschend, weil Heinz Kühn mit einem zweiten Streich in ihre Reihen hineinregierte. Düsseldorfs Kabinettschef drohte öffentlich: „Wenn Meyers es nicht wird, dann soll ein Sozialdemokrat das Amt übernehmen.“ Dermaßen geschockt, gaben denn Meyers Gegner nach. Ein Sozi auf dem Bonner OB-Stuhl? Das wollte kein Unionsmann verschulden.

Zufrieden, wenn auch voll gemischter Gefühle begab sich danach Heinz Kühn zu seinen aufgeregten Parteifreunden. Erst nach Darlegung aller Motive fand der sozialdemokratische Landesvorsitzende und Regierungschef Zustimmung. Willi Weyer hatte indes bei seinen Liberalen überhaupt keine Schwierigkeiten. Er frischte mit dem Angebot die alte Kameradschaft zu seinem früheren Tennispartner und Vorgesetzten auf, was auch die Sozialdemokraten nicht beunruhigte, weil Meyers auf Landesebene keine Rolle mehr spielt, nachdem ihn Wilhelm Lenz aus dem Felde schlug.