Von Heinz Heininger

Es war für uns ein Schock“, bekannte „Swipe“-Pressechef Hermann Lerk. „Unser Umsatz ging stark zurück.“

Schock und Umsatzrückgang waren von der Berliner Zeitschrift „test“ ausgelöst worden. Das Blatt, von der Stiftung Warentest in Berlin herausgegeben, hatte: in seiner Juni-Nummer vom Kauf des Allzweck-Reinigungsmittels „Swipe“ (was soviel heißt wie „Aufwischen“ und sweip gesprochen wird) abgeraten. Das Urteil der Tester: „Weniger bis nicht zufriedenstellend.“ „Swipe“ koste ein Vielfaches anderer handelsüblicher Mittel bei teilweise geringerer Wirkung. Nur als Fensterputzmittel und Teppichreiniger sei es zufriedenstellend bis gut.

Die Berliner Warenprüfer sind die ersten, die „Swipe“ selbst einmal genauer unter die Lupe genommen haben. Bisher hatte man der Methode, mit der es verkauft wird, mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als dem Produkt selbst.

Das System, das „nicht ganz einfach zu durch-– schauen ist“ („test“) stammt – wie „Swipe“: – aus den USA. Nach Deutschland gebracht hat es der Kanadier Robert Wahl, Missionar einer Sekte, die – so Wahl – „Evangelische Allianz“ heißt. Der fromme Mister Swipe verkündete sogleich, ein Viertel des Reingewinns seiner Firma spende er Missionsgesellschaften und anderen karitativen Verbänden. Die Adressaten seiner Spenden gibt er allerdings „auf keinen Fall bekannt“, „test“ mutmaßte deswegen: „Die Missionsgesellschaft wird doch nicht etwa die evangelische Allianz des Herrn Wahl sein?“

„Swipe“ wird nicht in Lebensmittelgeschäften oder Parfümerien verkauft, sondern über eine hierarchische Organisation, die von Wahl aufgebaut wurde, ihre Oberpriester heißen Supervisors. Sie bestellen „Swipe“ bei Ordensgeneral Wahl; beliefert werden sie direkt von einem amerikanischen Unternehmen. Die Supervisors, angeblich 230 an der Zahl, geben „Swipe“ weiter an 1900 Keys, die Zwischen-und Verteilerstation sind. Die 1600 Consultants endlich stellen das Fußvolk, das „Swipe“ zu 13,10 Mark pro Literflasche an den Mann bringen muß. Abgesehen von den Supervisors ist der Verkauf von „Swipe“ für die meisten nur Nebenbeschäftigung.

Wer sich besonders anstrengt, kann nach einem – Punktsystem vom Consultant bis zum Supervisor aufsteigen. Die Mühe kann sich jedoch ersparen, wer von vornherein 3000 Mark „Aufnahmegebühr“ auf den Tisch des Missionars, blättert und für 20.000 Mark 350 Kartons „Swipe“ kauft. Er ist gleich als Supervisor dabei und kommt in den Genuß der höchsten Rabatte: er braucht nur mehr 4,66 Mark für die Literflasche zu bezahlen, für die der niedrigste Dienstgrad, der Consultant, 8 Mark berappen muß. Ein Key muß sich mit 1000 Mark eine Zwangsaussteuer von 25 Kartons zulegen. Er kauft die Flasche für 6 Mark.