Als sich im Juni in Köln der Gesamtverband der deutschen Schriftsteller gründete, hielt Heinrich Böll ihm eine Rede. Die Rede handelte nicht von Geist und von Wesen, sie handelte auch nicht vom Stand der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse. Böll sprach: vom „Ende der Bescheidenheit“, vom Geld. Wir Autoren, sagte er, „sind tarifgebundene Mitarbeiter in einer Großindustrie, die hinter einer rational getarnten Kalkulationsmystik ihre Ausbeutung verschleiert ... Entziffert man die Kalkulationsmystik bei einem Buch, das im Laden 20 Mark kostet, so sieht das so aus: 45 Prozent davon sind Rabatte – 9 Mark, 25 Prozent Verlagsunkosten und -gewinn = 5 Mark, 20 Prozent Herstellung = 4 Mark und 10 Prozent Autorenhonorar = 2 Mark. Ob es einen Leser eines Taschenbuches gibt, der weiß, daß von den 2,50 Mark oder 2,80 Mark, die er bezahlt, der Urheber, der das Buch immerhin geschrieben hat, 5 oder 6, wenn er Glück hat und sehr geschickt gewesen ist, 8 Pfennig mitbekommt? Ich weiß: Bücher machen und Bücher verkaufen: das sind riskante Gestrafte ... Diese Ziffern hier sollen nur klarmachen, wie hoch sich der Anteil des Autors, des Urhebers, berechnet.“

Angesprochen wußte sich der Verband Schöngeistiger und Wissenschaftlicher Verleger. In einem Offenen Brief hielt er Böll die allgemeinen Schwierigkeiten des Bücherverkaufens und der Verleger besondere Verdienste um die Verdienste der Autoren vor: Es gebe, so das Resümee, „keine Gründe, um die bewährte Zusammenarbeit zwischen Autor und Verlag aufzukündigen ... Gemeinsam sind weitere Erfolge mit viel größerer Chance zu erzielen als in gegenseitiger Kampfposition oder Verunglimpfung.“

Darauf Böll: „Ich habe (das) verlagskalkulatorische Risiko nicht bagatellisiert, nur: der Leser soll wissen, daß er dem Urheber lediglich einen Obolus in die Mütze wirft... Natürlich weiß ich auch, daß die Unkosten oft erheblicher sind als die für einen Brief oder ein Telephongespräch. Ich weiß auch, daß die Hotel- und Cocktailrechnungen in den ,exklusiven‘ Frankfurter Hotels weitaus höher sind als der Vorschuß für einen Lyrikband.“

Also? Allerdings gibt es nicht wenige Verlage, die immer wieder alle wirtschaftlichen Prinzipien fahren lassen und Bücher veröffentlichen, die ihnen nichts oder gar voraussehbare Verluste einbringen – wenn auch oft nicht aus schierem Edelmut, sondern weil sie sich von den betreffenden Autoren andere, rentable Bücher versprechen oder weil sich der so erzielte Prestigegewinn anders bezahlt macht. Allerdings muß einer Branche die Kalkulation schwerfallen, deren Produkte sich meist auf keine bestimmte Nachfrage verlassen können. Allerdings geht es manchen Verlegern nicht weniger dreckig als ihren Autoren.

Allerdings aber haben es andere auch zu einem Reichtum gebracht, der ihre mühsam das Leben fristenden Autoren erbittern muß: Diese können sich davon überzeugen, wenn sie zur Verzierung der Buchmesse nach Frankfurt gebeten werden. Ein Einblick in die Bilanzen der Verlage ist ihnen, entgegen den Behauptungen des Schöngeister-Verbandes, in der Regel verwehrt. Der freie Schriftsteller, sofern er nicht zu einem begehrten Markenartikel geworden ist, steht einzeln und ohne finanziellen Rückhalt, das heißt in Sorge um die nächste Monatsmiete, großen Industrieunternehmen gegenüber, ausgeliefert ihrer Gewogenheit, in günstigen Fällen bevorschußt, das heißt verschuldet. Der Lohn für seine Arbeit mit ihrem unberechenbaren Gebrauchswert unterschreitet das Lebensminimum öfter, als er es überschreitet.

Ein irgend „gerechter Lohn“ ist natürlich über den „Markt“ nicht zu erreichen. Die reine Arbeitszeit, die er aufwendet, sagt nichts über den Wert seines Produkts; für die Qualität seiner Arbeit gibt es keinen objektiven Maßstab, und wenn es ihn gäbe, könnte die Nachfrage auch nach approbierter Qualität durchaus ausbleiben. Vor der Alternative zum „Markt“ werden sich die meisten Autoren aber ebenfalls scheuen: Sie liefe nämlich darauf hinaus, daß sie sich und ihre Werke vor Dienststellen oder Volkskommissionen zu rechtfertigen hätten, um dann einen dem so bestimmten gesellschaftlichen Nutzen ihres Werks entsprechenden Sold zu beziehen.

Die Autoren sind also auf die Verleger angewiesen, die auf die Autoren, beide auf die Buchhändler, die auf die Leser. Es ist in der Tat eine Art Partnerschaft. Aber Partnerschaft kann nicht so aussehen, wie die Verleger sie sich gönnerhaft vorzustellen scheinen: Wir sind so nett zu euch, darum seid ihr still. Es muß eine Partnerschaft im Konflikt sein. Die Autoren, die Übersetzer haben zu versuchen, ihrer oft genug erbärmlichen Lage Abhilfe zu schaffen; sie haben ihre Interessen so zu vertreten, wie es etwa die Papierindustrie den Verlagen gegenüber ganz selbstverständlich tut. Im Verband können sie es besser als einzeln. Darum ist die Gründung dieses Schriftstellerverbandes zu begrüßen, sind Autorenverlage zu begrüßen, darum war Bölls Rede keine undankbare Kampfansage, sondern nur eine Notwendigkeit.

Dieter E. Zimmer