Hin und wieder, Verehrte, gebe ich mich mit Inbrunst einer Lektüre hin, die Ihnen grausig erscheinen mag: Ich lese Statistiken. Nicht, weil ich sie für unfehlbare Mitteilungen halte, eher, weil sie eine Art höheren, sich sehr abstrakt gebenden Klatschs darstellen; hinter spröden Zahlenkolonnen und in schwierig zu entziffernden Tabellen verrät die Statistik mir Dinge, die eigentlich vertraulich sind und durch jene verfluchte, wenn auch oberflächliche Wahrscheinlichkeit so indiskret sind wie Klatsch.

Wenn ich zum Beispiel läse, daß der Mann Ihrer Träume in drei von zehn Fällen – statistisch, nicht persönlich; ich muß Sie für eine kurze Weile zur Abstraktion auffordern! – etwa Kurt Georg Kiesinger wäre, so mache ich mir, wenn ich zehn Frauen beisammen oder hintereinander sehe – etwa, wenn sie an meinem Fenster vorbei zum Einkaufen oder zur Bushaltestelle gehen – natürlich Gedanken, für welche drei von den zehn K. G. K. tatsächlich der Traummann sein könnte, und damit bin ich auf dem Umweg über etwas so Trockenes wie Statistik unerschrocken in die Intimsphäre mir unbekannter weiblicher Wesen eingedrungen.

Meiner Leidenschaft für Statistiken verdanke ich die Kenntnis einer überraschenden, für Sie schmeichelhaften Tatsache: daß weitaus weniger Frauen die Nazis gewählt haben (vor 1933 jedenfalls) als Männer. Der Unterschied betrug je nach den lokalen Voraussetzungen bis zu sechs Prozent. Diese Art Klatsch lese ich gern. Dann aber lese ich etwas, das zwar nicht gerade diskriminierend ist, aber doch sehr sehr ärgerlich: daß die Frauen es sind – und ausgerechnet katholische! –, die das wahre Korsett der CDU/CSU bilden. Ich finde, das sollte nicht so bleiben. Da müssen irgendwelche Mißverständnisse vorliegen, wo doch die Statistiken über die Vornazizeit so sehr für Ihre Vernunft sprechen.

Neugierig versuche ich auch aus den Statistiken herauszulesen, welche Bevölkerungsgruppen mit welcher Schulbildung welchen Geschlechts welche Zeitungen und Zeitschriften lesen. Auch suche ich da meinen eigenen Verbraucherort, und wenn ich dann feststelle, daß ich nach statistischem Diktat ZEIT- oder Spiegel- Leser zu sein habe, dann enthalte ich mich für einige Zeit dieser geheiligten Publikationsinstrumente und lese alle erreichbaren Wochenendblättchen, die statistisch fast nur von "Hausfrauen mit Volksschulbildung" gelesen werden. Damit wir uns nicht mißverstehen: ich meine nicht die Illustrierten (die lese ich genau wie Sie nur beim Friseur oder im Wartezimmer des Arztes), ich meine die Wochenendzeitungen. Von vorn bis hinten, einschließlich der Anzeigen lese ich diese Blättchen, nicht nur, weil ich trotzig aus meiner statistischen Kategorie ausbüchsen will, nein, auch weil ich neugierig bin und eine Neigung zum Klatsch habe. So erfahre ich dann auch unter anderem, was Intellektuellen in den geheiligten Publikationsinstrumenten, die ihnen statistisch zudiktiert werden, schnöderweise vorenthalten wird: daß zwar Lou van Burg sich amouröse Eskapaden leistet, aber auch Vico Torriani deren verdächtigt wird. Daß ich über das Innen- und Außenleben von Königinnen und Filmstars genau Bescheid weiß, versteht sich von selbst. Vielleicht steige ich eines Tages ganz auf die "unseriösen" Zeitungen um, bei denen durchschaue ich wenigstens, wie es gemacht wird; bei den "seriösen" Zeitungen falle ich immer wieder auf das hartnäckig aufrechterhaltene Dogma von der eigenen Unfehlbarkeit herein, dem diese Zeitungen gewöhnlich weitaus unerbittlicher huldigen, als der Bischof von Rom es je gewagt hat.

Nun neige ich auch zu gelegentlicher Selbstanalyse, und je älter ich werde, desto mehr verstärkt sich der Verdacht, daß ich wahrscheinlich seit der Bekanntschaft meiner Mutter, in deren Küche ich einen großen Teil meiner Jugend verbracht habe und die in dieselbe Kategorie fiel, "irgendwo und irgendwie" (genauer läßt sich das leider nicht ausdrücken!) bis zu acht Prozent "Frau mit Volksschulbildung" gewesen und geblieben bin. Ich bin nicht homogen, bin ganz sicher nicht das, was man einen ganzen Mann nennt. Ich denke, ein ganzer Mann ist kein Mann mehr, wahrscheinlich auch kein Mensch mehr. Wie kann einer ganz sein – das klingt so krankhaft gesund, als habe einer noch nie gelitten und sei des Leidens unfähig. Unter einem ganzen Mann stelle ich mir so etwas wie einen Mörder vor, natürlich einen, der nie vor Gericht kommt, weil alles an ihm gesund ist: sein Gehorsam, sein Pflichtgefühl und – pardon! – auch jener komplizierte und unerforschte Kontinent, den die Literaten, seitdem es sie gibt – also schon ziemlich lange – zu erforschen versuchen und den man dennoch mit einem so dummen und platten Wort wie "Geschlechtsleben" benennt. Ein ganzer Mann flößt mir Furcht ein, und wenn eine Frau sagt: "Ich bin ganz Frau", so werde ich mißtrauisch.

Nun muß ich Sie wieder mit Statistik belästigen. Ich habe da neulich gelesen, daß von hundert stetigen CDU/CSU-Wählern mehr als sechzig Prozent Frauen sind, und in einer anderen Tabelle, daß von hundert getreuen CDU/CSU-Wählern (statistisch nennt man diese Getreuen "konsistent") mehr als sechzig katholisch.

Wenn ich mir diese beiden Tabellen augenfällig mache, entscheidet sich das politische Schicksal der Bundesrepublik Deutschland im September 1969 innerhalb der geographischen Dreiecke: Hof–Konstanz–Landshut, Saarbrücken–Koblenz–Kleve und Essen–Münster–Paderborn.