Von Victor Zorza

Zwei der bekanntesten sowjetischen Science-Fiction-Autoren haben gerade ein Buch herausgebracht, in dem detailliert und beißend ein Polizeistaat analysiert wird – ein Polizeistaat auf einem anderen Planeten, versteht sich. Schon früher sind diese beiden Schriftsteller heftig kritisiert worden, weil sie angeblich die Science Fiction als einen Tarnmantel benutzt hätten, um das politische System in ihrem eigenen Land anzugreifen.

In der Tat enthält auch ihr neues Buch zu viele Bezüge auf die gegenwärtige Situation in Rußland, als daß dieser Verdacht nicht begründet erscheinen sollte. Aber noch genießen Science-Fiction-Autoren in der UdSSR eine gewisse Narrenfreiheit. Ihnen allein gelingt es, jene staatliche Zensur zu umgehen, die in immer kleinlicher rer Weise jeden Versuch unterdrückt, die kontroversen Fragen des sowjetischen Lebens und der sowjetischen Politik zum Gegenstand der Literatur zu machen. Die historische Rolle Stalins sowie, die allenthalben erkennbare Tendenz jedes kommunistischen Regimes – sei es in der Sowjetunion, sei es in Osteuropa oder sei es in China –, die Züge eines Polizeistaates annimmt, all dies sind Fragen, die für die sowjetische Literatur offiziell zum Tabu erklärt worden sind.

Offenbar versuchen die beiden Autoren, die Brüder Strugatskij, auf eine elegante und nahezu unangreifbare Weise dieses Tabu zu durchbrechen. In der Einleitung zu jenem Buch, das letztes Jahr Zielscheibe der Kritik wurde, legen sie dem Leser nahe, sich nicht mit der Frage aufzuhalten, ob die Handlung auf unserer Erde oder auf einem anderen Planeten spiele. Das sei, so meinen sie, bedeutungslos. Ihr neues Buch – „Die bewohnte Insel“ – spielt indes wirklich auf einem anderer Planeten. Doch wird dieser Planet von einer angeblich gütigen Gruppe von „unbekannter, Vätern“ in einer Weise regiert, die ohne allzu große Phantasie zu der Herrschaftsausübung des Politbüros oder des Zentralkomitees in eine enge -Beziehung gebracht werden kann. Die „unbekannten Väter“ ergreifen die Herrschaft, nachdem sie das korrupte Regime von Aristokraten und Finanz-Magnaten aus den Angeln gehoben haben. Die alten Regenten – und wer dächte da nicht an die Zaren-Herrschaft – hatten das Land in Krieg und Chaos gestürzt. Die „Väter“ errichten eine totalitäre Diktatur, deren Ziel es ist, eine „gerechte Gesellschaft“ aufzubauen. „Kommunistische Gesellschaft“ und „gerechte Gesellschaft“ – wie nahe liegt das beieinander!

Die „Väter“ in dem Buch halten sich an Zukunftsvisionen. In Wirklichkeit leben unter ihrer Herrschaft die meisten Menschen in großer Armut, mit Ausnahme von wenigen Privilegierten. Die „unbekannten Väter“ versuchen der Bevölkerung einzureden, daß schon heute die Gesellschaft der Zukunft Wirklichkeit geworden sei – „ein zusammenhängender Organismus ohne Widersprüche zwischen den einzelnen sozialen Gruppen“. Gegen die Herrschaft der „Väter“ bildet sich eine Opposition, eine kleine Gruppe, die die Kraft hat, der alles durchdringenden Propaganda zu widerstehen, jener Propaganda, die „über das Fernsehen, den Rundfunk, die Zeitungen, die Lehrer und die Offiziere über das ganze Volk ausgestreut wird“.

Jene wenigen, die „die Welt so sehen, wie sie ist“, werden von der Geheimpolizei gehetzt. Diese Geheimpolizei, in dem Buch heißt sie „die Legion“, hat ein Verfahren entwickelt, das es ermöglicht, die Gefangenen zu foltern und zu Aussagen zu zwingen, ohne daß ein sichtbares Zeichen der Folterung zurückbleibt. Schauprozesse, „ganz und gar im Vorhinein geprobt“, gehören in dem Science-Fiction-Staat zum politischen Alltag. Ebenso gibt es dort Konzentrationslager in abgelegenen Teilen des Landes, in denen man die Unerwünschten verschwinden läßt. Und die Regenten bedienen sich der altbekannten „Drohung von außen“, um die Oppositionskräfte als „Handlanger des Feindes“ brandmarken zu können.

In dem Planetenstaat bleibt freilich die Opposition in der Minorität. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hält die Lügen, die ihr täglich eingetrichtert werden, für die „einzige Wahrheit“ und ist bereit, für die offizielle Ideologie „zu leben, zu leiden und zu sterben“. Die „unbekannten Väter“, von den breiten Schichten der Bevölkerung als Inkarnation politischer Weisheit verehrt, haben in Wahrheit kein anderes Ziel, als ihre Machtposition zu bewahren. Sie verlassen sich auf die Bajonette ihrer Armee und auf die Unwissenheit des Volkes und sind hauptsächlich damit beschäftigt, unablässig Intrigen und geheime Machtkämpfe in ihren eigenen Reihen anzuzetteln.

Wäre dies allein der Inhalt des Buches, dann wäre es kaum vorstellbar, daß die Brüder Strugatskij eine so exakte Schilderung der negativen Züge des Sowjetsystems durch die Zensur bekommen hätten – nicht einmal als Science Fiction. Doch die Autoren bedienten sich eines Tricks. An einigen Stellen ihres Buches deuten sie an, daß das Regime, das sie beschreiben, faschistische Züge trage. So bleibt alles der Interpretation des Lesers überlassen – aber es besteht kein Zweifel, daß viele dieser Leser bei der Lektüre nicht sogleich an den Faschismus denken.