Von Barbara Coudenhove-Kalergi

Wien, im Juli

Sie ist eine attraktive Frau Ende Vierzig; sie trägt ein buntes Jerseykleid und ein dezentes Make-up, das ihre blauen Augen betont. Sie heißt Irmgardis Strauß und war zwei Jahre lang als „TV-Nonne“ eine Art Star des österreichischen Fernsehens. Vorige Woche hat ihr Orden sie ohne präzise Angabe von Gründen aus der Klostergemeinschaft ausgeschlossen. Zum akuten Mißbehagen der kirchlichen Stellen und unter voller Ausnutzung ihrer TV-Popularität führt Schwester Irmgardis nun einen hartnäckigen Kampf um ihre Rehabilitierung. ‚Die autoritären Strukturen unserer Orden“, erklärte sie am Freitag der versammelten österreichischen Presse, „versagen vor den Anforderungen unserer Zeit.“

Die Klosterfrau, die sich vom kirchlichen Apparat nicht kleinkriegen lassen will, war 1966 vom Wiener Erzbischof Franz König für den Kirchenfunk entdeckt worden. Der Kardinal hatte die blitzgescheite Lehrerin an einer gastlichen Schule in Eisenstadt bei einer Tagung kennengelernt und spontan gemeint: „Schwester, Sie müssen ins Fernsehen.“ Seither hatte sie in der Sendung „Christ in der Zeit“ Kommentare zu religiösen Themen gesprochen – mit durchschlagendem Erfolg. Als sie im Vorjahr plötzlich wieder vom Bildschirm verschwand, waren zunächst nur Gerüchte an die Öffentlichkeit gedrungen. Die „Kongregation der Töchter des göttlichen Erlösers“ hatte ihre populäre Mitschwester mit Sprechverbot belegt, weil diese eine zu enge Freundschaft mit einem bekannten Eisenstädter Schulmann unterhalten hätte, sagten die einen – weil sie zu fortschrittlich war, sagten die anderen. Schwester Irmgardis war in Sendungen und Zeitschriftenartikeln ziemlich vehement für kirchliche Reformen eingetreten; ihre Schülerinnen lasen im Deutschunterricht Brecht und Handke, trugen Hosen und sahen „verbotene“ Filme. Der Orden und der zuständige Bischof hüllten sich in undurchdringliches Schweigen.

Es war schließlich die TV-Nonne selber, die in einem aufsehenerregenden Fernsehinterview das Schweigen brach. Was sie sagte, war eine harte Kritik an den „vorkonziliaren Zuständen“ in manchen Klöstern und ein eindrucksvolles Plädoyer für die Emanzipation der Frau in der Kirche. Unter Berufung auf den klösterlichen Gehorsam war Schwester Irmgardis seinerzeit Knall und Fall nicht nur das Reden im Fernsehen, sondern auch die Teilnahme an Tagungen und Seminaren, die Mitarbeit an Zeitschriften, das Empfangen von Besuchen, ja sogar das Briefeschreiben und das Telephonieren verboten worden. Ihre drei Nichten, Schülerinnen am Eisenstädter Theresianum, wurden von der Anstalt verwiesen. Ihre Bitte, sich gegen die haltlose Klatschgeschichte verteidigen zu dürfen, wurde abgelehnt; ihr Appell an höhere Ordensinstanzen ausweichend beschieden. In einer zwanzigstündigen „Gehirnwäsche“ versuchte ein Jesuitenpater, zur apostolischen Visitation nach Eisenstadt geschickt, die Schwester zum „freiwilligen“ Austritt aus dem Orden zu bewegen. Als Irmgardis hart blieb, wurde sie zunächst in ein Schwesternhaus nach Salzburg verbannt und dann von ihrer „Exklaustrierung“ benachrichtigt. Sie mußte ihr Ordenskleid ablegen und ist nun „Nonne in Zivil“. Ihre endgültige Entlassung, steht bevor.

Das Schicksal der Ex-Nonne, die Nonne bleiben will, hat Österreichs Katholiken auf Trab gebracht. Eine priesterliche „Solidaritätsgruppe“ forderte von kirchlichen Stellen Aufklärung „über die offenkundige Verletzung brüderlicher Liebe, menschlicher Würde und der primitivsten Regeln eines gerechten Verfahrens“. Die Paulusgesellschaft – bekanntgeworden durch den Dialog zwischen Christen und Marxisten – startete eine Unterschriftenaktion, der sich schon am ersten Tag mehr als fünfhundert Geistliche und bekannte katholische Laien anschlössen. Und der Wiener Erzbischof König sprach in einer eindeutigen Stellungnahme von „schweren Mängeln“. Schwester Irmgardis habe das Recht auf ein faires Verfahren; keine Ordensdisziplin und kein Hinweis auf den heiligen Gehorsam könnten allgemeine Menschenrechte aufheben.

Trotzdem bleibt die Frage, ob für starke Persönlichkeiten wie Irmgardis Strauß in den traditionellen Frauenklöstern Platz ist. Die kämpferische Klosterfrau ist überzeugt davon, daß die Orden auch heute noch ihre „Zeichenfunktion“ haben, „aber die Voraussetzungen müssen neu überdacht werden“. Ist das Leitbild vom „kindlichen Gehorsam“ der Schwestern gegenüber ihrer „Ordensmutter“ noch zu halten? Können die aus vergangenen Jahrhunderten stammenden Regeln des Gemeinschaftslebens neuen Aufgaben der Ordensfrauen gerecht werden? Und beschäftigen sich nicht viele Frauenorden mit Tätigkeiten, die Staat und Gesellschaft indessen besser besorgen? „Wir sollten“, sagt Irmgardis Strauß, „unsere Klosterschulen zusperren und unsere besten Leute an öffentliche Schulen schicken.“ Ähnlich wie die Münchner „Jesuitenkommune“ experimentieren in Holland, aber auch anderswo, weibliche Religionsgruppen mit neuen Formen klösterlichen Lebens, die ihren Mitgliedern Raum für eine Vielzahl von Berufen lassen und auch auf das Ordenskleid verzichten. „Aus dem Ordenskleid“, meinte die einstige Fernseh-Nonne, „sollte man keine Weltanschauung machen. Entscheidend für die klösterliche Existenz ist die totale Verfügbarkeit und das totale Engagement. Den zeitgemäßen Rahmen dazu müssen wir erst finden.“

Vorderhand lebt die „Klosterfrau in Zivil“ als Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Latein an einer öffentlichen Schule in Salzburg und wartet auf die Entscheidung des Generalrats ihres Ordens in Rom. Andere Ordenskongregationen haben ihr Übertrittsangebot gemacht; aber, so Schwester Irmgardis, „die Strukturprobleme sind überall die gleichen“.