Nun weiß ich auf Grund meines Herkommens und meiner Erziehung ganz genau, was Ihnen bei den übrigen zur Wahl stehenden Parteien im letzten Augenblick, wenn Sie in der Wahlkabine stehen, Unbehagen bereitet. Die „Roten“ und die „Liberalen“ sind dem katholischen Frauenherzen so schwer nahezubringen! Das hat viele Gründe, manche davon waren einmal diskutabel, etwa bis 1914: Der militante, oft sogar aggressive Atheismus der „Roten“ hat unseren Vätern und Müttern, Großvätern und Großmüttern einen ziemlichen Schrecken eingejagt, und die „Liberalen“ haben ja während des Kulturkampfes deutlich antikatholische Politik betrieben. Mein Vater ist noch unter höchst dramatischen Umständen gefirmt worden, unter so dramatischen Umständen, wie die irischen Katholiken bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ihre Messe feierten: heimlich, in einem von Wachtposten gegen Polizeispitzel abgesicherten Haus. Aber wenn Ihnen die „Liberalen“ und die „Roten“ zwischen 1880 und 1914 als so greulich erscheinen, wie sie nie gewesen sind, wenn Ihr Vater und Ihre Mutter oder Ihre Großeltern in guter rheinischer, antipreußischer Tradition oder in guter bayrischer, antipreußischer Tradition die „Liberalen“ und die „Roten“ (die merkwürdigerweise, weil sie von Berlin aus ihre Politik betrieben, auch als „Preußen“ galten) für Teufel erklärten, dann hatten sie zwischen 1880 und 1914 eine damals akzeptable politische Alternative: die Zentrums- oder die Bayrische Volkspartei, Parteien, die unter anderem für die religiöse Freiheit der Katholiken eintraten, die zeitweise sowohl durch die „Liberalen“ wie durch die „Roten“ gefährdet schien. Das alles ist, nehmen wir das Jahr 1914 als Wendepunkt, fünfundfünfzig Jahre her! Schauen Sie sich die „Roten“ von heute an; was mich an den „Roten“, die in der DDR regieren, am meisten abschreckt, ist deren Neo-Preußentum, das ja in seiner total funktionierenden Staatsideologie schon fast wieder fritzisch ist – da fehlen nicht einmal die vorfritzischen „Langen Kerls“ bei der Wachparade. Schauen Sie sich aber die „Roten“ in der Bundesrepublik an; bei einigen der prominenten „Roten“ habe ich den Eindruck, die blätterten ganz gern hin und wieder in einem Gebetbuch, nicht aus Taktik, sondern aus Überzeugung, und wenn sie’s noch nicht öffentlich tun, dann hält sie eine Scham zurück, die Sie respektieren sollten: die Scham, ihre mögliche Religiosität könnte ihnen als Wahlmanöver ausgelegt werden.

Sie erinnern sich vielleicht daran, daß Adenauer keinen, aber auch keinen Trick ausließ, um die Bundesrepublikaner vor der „roten Gefahr“ zu warnen, von der öffentlichen Verleumdung, die SPD bezöge Wahlkampfgeld aus der DDR oder Sowjetunion bis zu den Verleumdungen gegen Willy Brandt. Dieser Ton klang deutlich hörbar in den Reden von Kiesinger und Strauß nach der Wahl von Dr. Heinemann zum Bundespräsidenten wieder an, und was ihn noch deutlicher machte: am Fernsehschirm, der in den früheren Wahlkämpfen bis 1961 noch keine so große Rolle spielte – die Gesinnung wurde an den Physiognomien dieser beiden Herren sichtbar. Das sind die Herren von der CDU/CSU, die ihre Herrschaft auf Ihren alten, spätestens seit 1914 überfälligen Vorurteilen gegen die „Roten“ aufgebaut haben und halten wollen. Der große deutsche Nachkriegstrick der CDU, unterstützt durch zahllose Hirtenschreiben und Hirtenworte, hat ja darin bestanden, ein riesiges politisches Potential, Ihre, der katholischen Frauen Wählerstimmen auf dem Umweg über den Mißbrauch der Religion umzufälschen.

Das Problem Kiesinger-Wählerinnen bringt mich in Verlegenheit, obwohl ich diese acht Prozent in mir habe, obwohl ich Wochenendblättchen lese und schon deshalb mich dem Geheimnis der Frauenseele erheblich genähert habe. Ich kann es so schwer glauben: daß auch Sie in die statistisch erfaßbare Kategorie Frauen gehören, denen Kiesinger gefällt. Nun betrete ich nach langem Zögern entschlossen und energisch ein wahlpolitisch peinliches, laut Statistik und Demoskopie aber entscheidend wichtiges Terrain, das erotische.

Sollte tatsächlich das so viel umworbene Geheimnis des Frauenherzens auch nur annähernd von Kiesinger getroffen werden? Bitte, sollten Sie für diese Art Charme gelegentlich anfällig sein, dann schauen Sie ihn sich doch einmal genau an, wenn er böse wird. Das kann doch kaum Ihrer Vorstellung von „rechtem Mannsbild“ oder „treuherzigem Lausbub“ entsprechen, und daß Strauß und Kiesinger in ihrer möglichen erotischen Attraktion entgegengesetzte Typen sind, das ist doch selbst bei Kenntnis auch nur der gröbsten Geheimnisse der Frauenseele offensichtlich. Sind Sie etwa polygam? Nun gut, ich will mich da nicht weiter einmischen, wozu ich Sie aber überreden möchte: Ihre Sympathien erotischer Art streng von der Politik zu trennen, erst dann werden Sie zu jenem Wesen, das Sie verfassungsmäßig, statistisch längst sein sollten, aber noch lange nicht sind: frei, gleichberechtigt und vernünftig.

Ganz rasch müssen Sie sich klar darüber werden, daß es Ihrer unwürdig ist, aus Gründen, die Sie selbst nicht kennen, eine Partei zu wählen, weil Ihnen möglicherweise der Mann, der diese Partei vertritt, gefällt. Natürlich pflegen diese Burschen alle ihr „image“,weil sie auf dieses geheimnisvolle Etwas in Ihnen spekulieren. Drehen Sie ihnen eine Nase oder strecken Sie ihnen die Zunge heraus – und wählen Sie nie, niemals irgendeine Partei, weil man auf irgendwelche Untergründe in Ihnen spekuliert hat. Vielleicht wäre der Mann Ihrer Träume – und Sie haben ein Recht, von ihm zu träumen! – eine Konstruktion aus Marlon Brando, Gregory Peck und Walter Giller, wobei Sie gern von dem einen den melancholischen Charme, vom anderen das Lächeln und vom dritten die Lässigkeit in einem Mann vereint hätten. Würden Sie eine Partei deshalb wählen, weil diese Ihre erotische Galionsfigur auf den Wahlplakaten zu sehen wäre?

Nun gibt es da noch Herrn Dr. Barzel. Ich erkläre mich geschlagen für den Fall, daß er der Typ ist, der „geheime Wünsche“ in Ihnen mobilisiert und dadurch die von ihm vertretene Partei wählbar macht. Meinetwegen, aber vergessen Sie nicht: frei, gleichberechtigt, vernünftig und unabhängig werden Sie erst, wenn im Zusammenhang mit Wahlen keiner mehr auf „geheime Wünsche“ bei Ihnen spekulieren kann. Meine Statistiken verraten mir ohnehin etwas sehr Betrübliches: daß es mit Ihrer Gleichberechtigung nicht sehr weit her ist. Frauen, obwohl sie zu hundert Prozent wahlberechtigt sind und als Wählerinnen eine so entscheidende Rolle spielen, sind da, wo die politischen Entscheidungen getroffen werden, in Stadt- und Landesparlamenten niemals mit mehr als zwölf Prozent, im Bundestag mit knapp sieben Prozent vertreten. Ich habe mich immer schon gewundert, daß die Frauen in Deutschland nach dem Krieg nicht rebellischer geworden sind. Lassen Sie sich doch nicht weismachen, Politik wäre Männersache, wenn man Ihnen das Stimmrecht gibt und Ihnen die politische Macht verdankt. Diese Abneigung gegen die Politik, obwohl man sie durch seine Wählerstimme macht, ist so töricht und Ihnen so eingetrichtert wie die landläufige Abneigung etwa gegen Mathematik. Mein Gott, rechnen läßt man Sie (und es muß eine verflucht komplizierte Rechnerei sein, mit so einem Haushalt zurechtzukommen), rechnen läßt man Sie, wie man Sie wählen läßt, aber aus der Mathematik macht man etwas Mythisch-Nichtweibliches wie aus der Politik. Lauter Schwindel, lauter Nebel.

Widerlegen Sie also den statistischen Klatsch, der über Sie im Gange ist. Machen Sie den Statistikern Kummer, indem Sie alle, alle Berechnungen, Spekulationen, alle Tabellen und Zahlenkolonnen durcheinanderwirbeln oder über den Haufen werfen.