Im Land der aufgehenden Sonne ist, scheint es, die Börsensonne untergegangen. Aber der Schein trügt: Tokio gefällt sich zur Zeit darin, die internationale Anlegerwelt zu bluffen.

Fünf Monate hatten Japans Börsen den Propheten recht gegeben, die 1969 als „japanisches Börsenjahr“ angekündigt hatten. Am 12. Juni aber, als der Japan-Dow-Jones-Index die 2000-Schallmauer gerade durchbrochen hatte, erlebte Tokio den schärfsten Rückschlag, den es je an einem einzigen Tag gegeben hatte. Nur zwölf Tage danach aber lieferte die Börse mit dem kräftigsten Aufschwung aller Zeiten das genaue Gegenstück. Konsolidierung heißt die Losung, mit der die japanische Börse gegenwärtig bedacht wird – Konsolidierung auf hohem Niveau allerdings. Japans Aktien haben auch nach ihrem Juni-Hickhack mit einem Indexgewinn um 11 Prozent seit Anfang des Jahres von allen am besten abgeschnitten, deutlich vor Paris und Mailand.

Darf man im Hinblick gerade darauf weiter auf Tokio setzen, auf den mit regelmäßigen Tagesumsätzen von über 100 Millionen Aktien nach New York zweitgrößten Börsenplatz der Welt? Man darf. Die Schwungkraft der japanischen Wirtschaft ist einfach zu stark, als daß die Börse nicht weiter, mitgerissen werden müßte. Auf dem Wege ins 21. Jahrhundert, das Futurologen heute schon „das japanische“ nennen, sollen das Haushaltsjahr 1969/70 und die folgenden eine reale Zunahme – des Bruttosozialprodukts jedesmal um glatte 10 Prozent bringen. Noch im laufenden Jahrhundert glaubt das Inselreich, das sich zur drittgrößten Industrienation hinter den USA und der Sowjetunion, zum führenden Schiffbauer, zweitwichtigsten Auto-, Petrochemie- und Kunstfasererzeuger, drittbedeutendsten Stahllieferanten der Welt emporgeschafft hat, das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt (45 000 Mark jährlich) erreichen zu können.

Auf kürzere Frist können außer gelegentlichen Gewinnmitnahmen nur Bedenken wegen der immer noch hohen Ausfuhrabhängigkeit von den Vereinigten Staaten und die Furcht vor konjunkturdämpfenden Maßnahmen einschließlich einer Yen-Aufwertung die Kurse verderben. Darum sollten Besitzer kleiner Portefeuilles vorsichtig sein und ihre Fernostgelüste mit Fondsanteilen befriedigen. Längerfristig aber kann es keinen Zweifel geben, wohin der Hase läuft – so daß da und dort, wie bereits beim Pharmatitel Fujisawa geschehen, die Beteiligungslimite von 20 Prozent für Auslandskapital schon bald erreicht sein könnte.

Gerade die augenblicklichen Favoriten europäischer Anlageberater, nämlich Matsushita Electric Industrial und der Elektro-Blue Chip Hitachi, haben dieser Tage’sehr zuversichtliche Voraussagen für die nächsten Monate gewagt: So will Matsushita bis Ende November die Verkäufe um 22 und die Gewinne gar um 24 Prozent steigern. Hitachi, das ein neues Farbfernsehgerät auf der Basis von Laserstrahlen vorbereitet, rechnet? mit Zunahmen um mindestens 20 Prozent bis März 1970. Mit Preis-Gewinn-Verhältnissen von 11, beziehungsweise nur 7 sind beide Titel sehr attraktiv. Freilich darf man nicht übersehen, daß der Anleger in Japan auf niedrigere Price-Earnings-Ratios mehr achten muß als anderswo: Traditionsgemäß stehen japanische Gesellschaften auf sehr bescheidener Eigenkapitalbasis und rechnen deshalb mit viel stärkeren Gewinnausschlägen, als wir sie gewohnt sind.

Europäisches Anlegerinteresse, verdienen daneben gegenwärtig die japanischen Banken, die wegen der strengen, allmählich sich lockernden Reglementierung im Börsenaufschwung deutlich zurückgeblieben sind: Bank of Yokohama zum Beispiel, Mitsubishi Bank, Sumitomo Bank, Mitsui Bank und die sehr marktenge Ashikaga Bank. Sondereinflüsse könnten Mitsubishi Electronic, Isuzu Motors (Zusammenarbeitspläne: mit Fiat), dem führenden Kunstharzwerk Sekisui Chemical und Nippon Kayaku zugutekommen, deren besonders fähigem Forscherteam man periodisch immer wieder die Entdeckung von Medikamenten zutraut, auf die die ganze Menschheit wartet.

Wolfgang Winter