ARD und ZDF: Apollo-11-Übertragungen

In tiefer Nacht endlich, es wurde draußen schon hell, kamen die Bilder: Ein gepolstertes Bein schwebte an der Leiter entlang, Mondmänner, die manchmal wie dicke Puppen, dann wieder wie Fabelwesen aus der Stummfilmzeit aussahen, durchmaßen den Krater, aus einem Taucherhelm kamen die Worte: Planet Erde, in Frieden, Präsident der Vereinigten Staaten.

Davor zwölf Stunden lang Warten, spärliche Nachrichten, wohl dosiert und freundlich gehalten (Düsteres kam hinterher: Puls 156, Treibstoff nur noch für 55 Sekunden), das Technische und das Märchenhafte verschwisterten sich, man sprach von Gigahertz und dem Reiten auf einem feurigen Ball, vom Fußballfeld und dem Pulverstaub im Mare tranquillitatis. Je länger es ging, desto einsilbiger wurden die Studiosprecher, die Metaphern klangen immer gequälter, und nicht nur Herr Müller in Houston entdeckte um vier Uhr morgens die Vorteile jener Maxime, die da alles, was über das Ja und das Nein hinausgeht, als vom Übel bezeichnet.

Welch eine Chance! Was für eine Gelegenheit! Und wie kläglich verspielt! Da saßen, am Entscheidungstag, Millionen Menschen vor ihren Geräten, unruhig, beklommen, erwartungsvoll, stolz, erregt, bereit, sich belehren zu lassen. Da wäre zu zeigen gewesen: Dieses sind wir, so sehen unsere Hoffnungen aus, das haben wir erreicht, das ist uns mißlungen. Man fliegt zum Mond, und der Unterschied zwischen den Armen und Reichen ist größer denn je. Man fliegt zum Mond, und die Diskrepanz zwischen den Produktivkräften und deren Nutzung illustriert die Sentenz: Doch die Verhältnisse, die sind nicht so. Man fliegt zum Mond, und die Regierenden erklären voll Stolz: So leicht können Utopien Wirklichkeit werden. Wenn aber die Rebellen auf den Widerspruch zwischen technischer Möglichkeit und humaner Realisierung verweisen, wenn Sozialisten eine Gesellschaft beschwören, in der die Menschen aufhören, erniedrigte und elende Wesen zu sein, dann heißt es: Dieses ist nur eine Utopie. (Obwohl doch Veränderungen nur durch Antizipationen, Umwandlungen der Wirklichkeit lediglich durch den utopischen Vorschein zu ermöglichen sind!) Welche Chancen, an diesem Tag, um Widersprüche sichtbar zu machen, Aufklärung zu betreiben und, mit Hilfe eines ungeheuren Bildmaterials, jene Faktoren zu veranschaulichen, die den Menschen daran hindern, über sein Schicksal selbst zu bestimmen. Statt dessen: Jules Verne und Hans Albers; statt dessen Beantwortung läppischer Fragen, warum die Fähre vier und nicht drei Beine hätte, wie die Astronauten das Defäkationsproblem lösten; statt dessen das Eingehen auf den Philatelisten aus Braunschweig und die Frau Generalmusikdirektor; statt dessen – und das in der entscheidenden Phase – alberne Demonstrationen an einer Studiofähre; statt dessen noch nicht einmal eine exakte Übermittlung der news (das ZDF war in diesem Fall der ARD, die versteckte, Nachrichten häufig in Nebensätzen versteckte, um Längen voraus); statt dessen ein Kulturfilm-Panorama, das pittoreske Szenerien, Eismeer- und Großstadtfolklore aneinanderreihte. Das war ein guter und vernünftiger Gedanke: die Welt zu zeigen, wie sie ist, und die saufenden sonnenhungrigen Eskimos mit den portorikanischen Sklaven von New York und den Gräbern von Huë, Nummern auf amerikanischen Konservenblechschildern, zu konfrontieren. Aber es fehlte die Koordination, das Konzept fehlte, es fehlte der Mann, der das Disparate zu einer Vision hätte zusammenfügen können: Ein kleiner Traum geht in Erfüllung, sie fliegen zum Mond, der größere Traum, die Erde ist ihr eigen geworden, bleibt Phantasmagorie. Robert Jungk als Koordinator; ein Mann, der die Präsentationskraft Ed Murrows besitzt und auch mit Blochschen Zungen zu reden versteht als Spiritus rector; in der Nacht die Stimmen Einsteins und Johannes’XXIII., Togliattis, Martin Luther Kings, alles nüchtern, alles vom Gesetz der kalkulierten Hoffnung geprägt. Es hätte ein großer Tag werden können, in dieser Nacht. Jämmerlich verspielt die Chance, die so bald nicht wieder kommt. Momos