Bonn

Auf Teppichen schritt die Bonner Lokalprominenz, im kleinen Schwarzen, im Smoking gar, quer durch die Konfektionsabteilung eines Kaufhauses, traf nach zwölf Schritten auf ein Gästebuch, formierte sich zu einer Schlange und wurde am Ende der Teppichstrecke vom Hausherrn begrüßt. Man gruppierte sich cocktailmäßig; Sekt, Orangensaft und Schnittchen wurden gereicht.

Um Publicity braucht man sich fürwahr nicht zu sorgen, wenn es nur gelingt, „der erste“ zu sein, der erste im Rennen um Rekorde, Gags und Novitäten. Und eben dies gelang in Bonn einer Gruppe junger Theaterleute: Sie eröffneten das erste Theater im Warenhaus auf europäischem Boden. Am Abend zuvor hatte sich die Generalprobe um Stunden verzögert. Rundfunkreporter und zwei Fernsehteams harrten auf Aufzeichnenswertes. Der Regisseur und Initiator dieses aufsehenerregenden Unternehmens, Klaus Marteau (41 Jahre alt), kam mit den gewünschten Interviews in Terminnot.

Doch der Glückstreffer, der erste zu sein, fordert seinen Tribut. So wird denn das, was sich vor Monaten auf der Suche nach einem geeigneten Theaterraum im Zentrum Bonns eher zufällig ergab – man traf auf das Interesse der Geschäftsleitung des Kaufhauses, die Raum, Dekor und Kostüme kostenlos zur Verfügung stellt –, im nachhinein theoretisch aufgepäppelt. Man wolle, so Marteau, das Publikum einer vorwiegend konsumorientierten Gesellschaft dort stellen, wo es besonders engagiert sei, am Konsum-Umschlagplatz also. Man wolle neue Schichten gewinnen. „Zusammenhänge zwischen vergangenen und heutigen experimentellen Formen des sich stets erneuernden Theaters zeigen“, „persönliche und gesellschaftliche Fragestellungen des modernen Menschen dort beantworten, wo seine Wirklichkeit mit dem Spiel“. Soweit die Programmatik.

Am Premierenabend gab man „Fräulein Julie“ von Strindberg, ein höchst konventionell dargebotenes Stück. Die Kaufhauskantine suchte man durch Kristallüster, Teppiche, Vorhänge und Künstlerphotos vergessen zu machen, durch Attribute, die wohl gemeinhin mit dem Theater assoziiert werden. Konventionelle Anfangszeiten – man wird vorläufig nicht während der Einkaufszeiten spielen – und ein konventionelles Publikum. Neu allein der Werbegag für das Kaufhaus. Marion Schreiber