Neues olympisches Zeremoniell in München?

Von Alex Natan

Auf Olympischen Spielen sind es die Eröffnungs- und Schlußfeiern, die am stärksten an die Einbildung und an die Emotionen von sportlichen Akteuren und ihrem Publikum appellieren, das an diesen Tagen der Arena ein völliges "Ausverkauft" zusichert. Diese Zeremonie ist jedoch auch in vielfacher Hinsicht zu einer antiquierten Schau, zum lebenden Anachronismus aus dem vergangenen Jahrhundert geworden, die das lebenslustige Verhalten der Tribünen und der Arena längst in Frage gestellt hat. Zu Recht, wie uns dünkt, wenn man an das steife Korsett denkt, das der alte Baron Coubertin in fossilen Formen festgelegt hat und das nun ein Teil des "Protokolls der Olympischen Spiele" geworden ist, daß das Olympische Komitee nur mit einer Zweidrittelmehrheit abändern kann, die kaum für grundlegende Reformen zu erzielen sein dürfte.

Heiter, fröhlich, unpathetisch

Indessen hat jedoch Präsident Daume, der für die Münchener Spiele von 1972 verantwortlich ist, immer wieder erklärt, daß er sich diese Spiele "heiter und fröhlich, unpathetisch und ohne Monumentalität" vorstellt, eben wie es sich für ein Weltfest der Jugend geziemt, die für den Frieden demonstriert. Deswegen strebt das deutsche Organisationskomitee an, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine "optimale Kompromißlösung für das, was absolut nicht mehr zeitgemäß ist, zu erreichen, um durch eine frische Symbolik und neue optische Effekte moderne ästhetische Wirkungen zu erreichen". Für die Gesamtregie der Feiern ist ein international anerkannter Arrangeur vorgesehen, der von der Regie oder der Choreographie herkommt und nicht mit der schalen Symbolik von vorgestern belastet ist. "Dem Leitmotiv der Lebensfreude und dem Friedenswillen entsprechend sollte jede militärische Symbolik entfallen, insbesondere der Kanonensalut, der Einzug der Olympiafahne in Kondukt der Soldaten, das Hissen der Fahnen durch Soldaten, der Einzug nach Marschmusik der Militärkapellen, Vermeidung von Uniformen und so weiter."

Im Artikel 57 des Protokolls steht genau der Begrüßungsvorgang beschrieben, der dem Staatsoberhaupt gewidmet ist, wenn er das Stadion betritt und sich die internationalen Funktionäre vorstellen läßt. Könnten diese obersten Sportführer nicht ihr funktionelles Schwarz ablegen und sich in modischer Sommerkleidung präsentieren? Nichts wirkt heute lächerlicher als jene Bratenröcke und Cutaways, gerade aus der Mottentruhe geholt, die so peinlich mit dem bunten Gewoge der Tribünen kontrastieren. Mich erinnert dieses Zwischenspiel stets an Moritz Stiefels Beerdigung in "Frühlings Erwachen". Um das Unpolitische dieser zeremoniellen Geste zu betonen, möchte man das Abspielen der Nationalhymne unterlassen und dafür hier zum erstenmal die neue, moderne olympische Fanfare erklingen lassen. Dagegen wäre zu sagen, daß schließlich das Oberhaupt der veranstaltenden Nation ein ungeschriebenes Anrecht auf das Spielen der Nationalhymne besitzt. In diesem feierlichen Augenblick des Auftakts das Deutschlandlied zu spielen, scheint würdig und angepaßt zu sein.

Im Protokoll werden eingehende Anordnungen getroffen, die sich mit dem Einmarsch der Teilnehmer und ihrem Aufmarsch im Innenraum befassen, stets ein hinreißender Anblick für das Publikum und ein unvergeßliches Erlebnis für den aktiven Teilnehmer. Da 1972 wahrscheinlich 130 Nationen einmarschieren werden, so müssen sowieso Einsparungen getroffen werden, damit die Eröffnungsfeier nicht allzu viele Stunden andauert. Da es sich schließlich um ein Fest der Jugend handelt, könnten beispielsweise die Chefs de Mission und ähnliche Funktionäre eingespart werden, die gewöhnlich mit erheblichem Wanst und wichtigtuerischen Mienen an der Spitze ihrer Mannschaft schwer atmend marschieren. Jede Landesvertretung zieht ihre Nationalflagge voran und allen Landesvertretungen bekanntlich die Flagge Griechenlands. Es wird einen heißen Kampf geben, der ja längst in vielen Ländern eingesetzt hat, ob man nicht Landesfahnen und Nationalhymnen überhaupt abschaffen soll, um die emotionale und politische Spannung auf ein erträgliches Minimum herabzusetzen. Jedenfalls könnte es leicht zu Demonstrationen kommen, wenn das hellenische St.-Andreas-Kreuz wirklich den Einzug anführt. Vielleicht ist aber dann die Oberstendiktatur von Athen bereits ein Spuk von gestern geworden.