Zeitlebens hat ihm sein mißratener Körper zu schaffen gemacht; bucklig, klein, dünnbeinig, mit eingefallenem Brustkorb, zu großem Kopf und riesigen Ohren: "Seine eigene Figur lacht ihn aus", notierte er als Dreiundzwanzigjähriger über sein Spiegelbild. Seine Gebrechen haben wesentlich dazu beigetragen, daß er – wie man gesagt hat – der "Kolumbus der Hypochondrie" wurde. Doch lernte er auch früh, sich zu verteidigen. Als er wegen seiner großen Ohren verspottet wurde, antwortete er: "Stellen Sie sich nunmehr Ihr Gehirn und meine Ohren vor – das gäbe einen Esel von besonderer Herrlichkeit!"

Vor allem lernte er, die nur äußerliche Schönheit zu durchschauen; oft genug entdeckte er hinter der vollendeten Fassade geistige Krüppelei. Doch war er von Natur aus heiter genug, als daß er etwa bösartig hätte werden können, wenngleich er oft und gern davon träumte, wie er "diesen oder jenen Menschen ums Leben bringen oder Feuer anlegen könnte, ohne daß es bemerkt würde..." Immerhin machte sein Mißtrauen selbst vor dem Schöpfer nicht halt. Sein Buckel und soviel anderes Leid brachten ihn zu der Oberzeugung, unsere Welt könne nur "das Werk eines untergeordneten Wesens" sein, das "die Sache noch nicht recht verstand".

Was immer ihm einfiel an solchen und anderen Gedanken – und er hatte unendlich viele funkelnde Gedankensplitter – hielt er in seinen "Sudelbüchern" fest. Sie begründeten seinen Ruhm in sehr viel stärkerem Maße als die Arbeit in seinem eigentlichen Fach mit Elektrisiermaschinen, Leydener Flaschen, Papierdrachen und Blitzableitern – eine Arbeit, die ihm allerdings nach seinem Tode einen Platz auf dem Mond einbrachte.

Aber berühmt war er auch schon zu Lebzeiten, und zwar, weit über die kleine deutsche Universitätsstadt hinaus, wo er als Professor lehrte und es so meisterhaft verstand, dem Auditorium weder den Rücken noch seine Profillinie preiszugeben. Im übrigen tröstete er sich: "Sobald einer ein Gebrechen hat, so hat er seine eigene Meinung", während die gesunden, gerade gewachsenen Menschen sich alles gefallen ließen.

Er selber blieb immer ein Nonkonformist, auch in seinem Liebesleben. "Ein richtiger Kerl soll nur lernen, sein braunes Mädchen zu genießen wie sein braunes Brot", schrieb er und gab zu verstehen, daß ihn die "standesgemäßen", die "gepuderten" Mädchen nicht interessierten. Als fast Vierzigjähriger holte er sich ein erst zwölf Jahre altes Blumenmädchen ins Haus, die Tochter eines armen Leinewebers, brachte ihr Schreiben, Lesen, Rechnen und ein wenig Französisch bei und liebte sie von Tag zu Tag mehr. Sie sei ein solches Muster an Schönheit und Sanftmut, schrieb er einem Freund, wie er es noch nie gesehen habe. Vor den Blicken seiner Mitbürger scheint er seine "Jungfer Hausfrau" mit Erfolg abgeschirmt zu haben; die Kleine hat seine Wohnung fast nie verlassen. Schon nach zwei Jahren aber nahm dieses seltsame erotische Idyll durch den Tod des Mädchens ein unerwartetes Ende.

Ihr Tod hat ihn tief getroffen. Seine Hypochondrie nahm wieder zu, und mit ihr kamen zahlreiche Beschwerden. Er klagte über rätselhafte Kopfschmerzen im linken Nackenknochen, nahm stark ab, bekam Ohnmachtsanfälle, litt an Asthma. Schließlich hielt er es für besser, wieder jenem "Triebe zu folgen, ohne den die Welt nicht bestehen könnte". Diesmal nahm er eine dreiundzwanzigjährige Erdbeerverkäuferin zu sich, als "Haushälterin", was aber die Landesregierung ihm nicht recht glauben wollte und ihm Vorhaltungen machte. Er erwiderte, daß er viel zu häßlich sei, um von einer Frau geliebt werden zu können. Acht Kinder hatte er mit seiner Haushälterin, bis er sie schließlich, als er ernsthaft krank wurde, heiratete.

Es war eine Nottrauung, weil er fürchtete, daß es ans Sterben ging, und weil er Frau und Kinder bürgerlich versorgt wissen wollte. Doch ließ der Tod dem 47jährigen noch fast zehn Jahre. In dieser ganzen Zeit war er bettlägerig. Doch hat sein Zustand ihn nicht daran gehindert, noch weiterhin für Nachwuchs zu sorgen, über Jahre hin mit einem Hausmädchen ein Verhältnis zu haben und mit ihr noch bis kurz vor seinem Tode, wie er es nannte, "viel Satan" zu treiben.

Antwort auf die Frage der vergangenen Woche: Die Frau, der man den Kopf ihres Geliebten vor die Füße warf und die schließlich selber enthauptet wurde, war die Gräfin Dubarry (1743–1793); ihr Geliebter war der Herzog von Brissac. Die geborene, Marie-Jeanne Becu war Verkäuferin in einem Pariser Wäscheladen. Mit neunzehn lernte sie den Grafen Jean Dubarry kennen, der sie an Ludwig XV. von Frankreich vermittelte.