Das Geheimnis der Sowjets – Beobachtungen bei den Flügen von Apollo 11 und Luna 15

Von Rüdiger Proske

Houston, im Juli

102 Stunden 45 Minuten und 40 Sekunden nach dem um 724 Millisekunden verspäteten Start von Apollo 11 am 16. Juli 1969 setzte "Eagle" im Meer der Ruhe auf und wurde zur Tranquillity Base. Knapp 22 Stunden später startete das Gerät wieder, und alles spricht dafür, daß die Männer, die den Erdtrabanten als erste Menschen betraten, Neil Armstrong und Buzz Aldrin, zusammen mit Michael Collins am kommenden Donnerstag sicher zur Erde zurückgekehrt sein werden.

Die Weltpresse spricht von einer historischen Wende und bezieht sich häufig auf Columbus. Genau genommen hat die Entschleierung des Mondes mit der Entdeckung Amerikas so gut wie nichts zu tun. Columbus wußte weder wohin er fuhr, noch wo er landete. Niemand half ihm, niemand sah ihm zu, und daß sein Unternehmen fehlschlagen würde, war eigentlich eine ausgemachte Sache.

Entdeckungen waren früher Glückssache. Heute sind sie das Ergebnis sorgfältiger Planung, nur die Motive sind im großen und ganzen gleich geblieben: Sucht nach Reichtum oder Macht, Neugier und Prestige. Die Neugier gefällt mir unter diesen Motiven am besten.

Der Flug von Luna 15 erwies sich letzten Endes als ein Satyrspiel. Zunächst machte dieser Schachzug der Sowjets der NASA aber große Sorgen. Noch am Tage des Apollo-Starts waren sich so gut wie alle Experten, von Wernher von Braun über Frank Borman, dem Kommandanten von Apollo 8, der gerade aus der Sowjetunion zurückgekehrt war, bis zu Sir Bernhard Lovell, dem Direktor der Sternwarte von Jodrell Banks, darüber einig, daß die Sowjets versuchen würden, mit der unbemannten Sonde vor den Amerikanern Mondmaterial auf die Erde zu bringen. Immerhin hatte sich fünf Monate zuvor selbst der Präsident der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, M. V. Keldysch, in diesem Sinne geäußert, und schließlich hatten zu Weihnachten 1968 die Sowjets schon einmal versucht, den Amerikanern zuvorzukommen.