München

Die Veteranen der 97. Jägerdivision, genannt die "Spielhahnjäger", warteten vergeblich auf den Bischof, der einst als Offizier einer der ihren war und jetzt beim Kameradentreffen in Bad Reichenhall, wie auch früher schon, den obligaten Feldgottesdienst halten sollte.

Eine Woche später, am vergangenen Sonnabend, mußte der Diakon Blasius Wagner aus Vagen bei Bad Aibling darauf verzichten, von seinem zuständigen Regionalbischof zum Priester geweiht zu werden. Das Erzbischöfliche Ordinariat München-Freising hatte umdisponiert. Es befürchtete Demonstrationen und hielt es deshalb für angebracht, daß Weihbischof Matthias Defregger in jenem nicht genannten "Alpenkloster" bleibt, in das er sich vor nunmehr drei Wochen "bis auf weiteres" zurückgezogen hatte.

Was die Betroffenen möglicherweise nur als kurzlebige "Spiegel-Story" zu betrachten geneigt waren, wuchs indes zu einem Fall heran, zu dem es täglich Neues zu vermelden gibt.

Es begann im Spiegel vom 7. Juli 1969 unter der Rubrik "Kriegsverbrechen". Das Nachrichtenmagazin berichtete, daß der 53jährige Defregger, dem Julius Kardinal Döpfner im Herbst vergangenen Jahres die Bischofsweihe gespendet hatte, während des Krieges als Hauptmann und Kommandeur der Nachrichtenabteilung der 114. Jägerdivision den Befehl zu Geiselerschießungen weitergegeben hat. In einem Massaker wurden in dem Abruzzendorf Filetto, hundert Kilometer nordöstlich von Rom, am 7. Juni 1944 von Defreggers Untergebenen siebzehn männliche Bewohner als Rache für einen Partisanenüberfall, bei dem ein deutscher Soldat getötet worden war, niedergemacht.

Die Bluttat von Filetto war in Deutschland bereits seit ein paar Jahren nicht mehr unbekannt. Frankfurts Oberstaatsanwalt Dietrich Rahn kam jedoch zu dem Ergebnis, daß sie "allenfalls als Totschlag, nicht aber als Mord gewertet werden" und der Beschuldigte Defregger "nur der Beihilfe zu einem Verbrechen des Totschlags schuldig" sein könne. Totschlag aber sei nach fünfzehn Jahren verjährt. Also schloß er die Akte Defregger.

Münchner Zeitungen am Tag nach der Spiegel-Veröffentlichung: "Münchner Weihbischof des Mordes verdächtigt" – in Großbuchstaben auf Seite eins der tz. Der im gleichen Haus erscheinende Münchner Merkur klein auf Seite zwei: "Wirbel um Defregger". Kardinal Döpfner stellt sich rückhaltlos vor seinen Weihbischof und erklärt: "Erst als Defregger keinerlei Möglichkeit mehr sah, die Durchführung des (Erschießungs-) Befehls zu verhindern, gab er diesen einem Leutnant der Kompanie weiter. An der Exekution der siebzehn Dorfbewohner war er nicht beteiligt." Im übrigen "tat Defregger alles, was in seiner Macht stand, um der Bevölkerung das schreckliche Geschick zu erleichtern. So ließ er Frauen und Kinder wegbringen, um ihnen den furchtbaren Anblick zu ersparen". Kommentar der Süddeutschen Zeitung: "Des Kardinals Erklärung ist leider höchst unbefriedigend." Die katholische Wochenzeitung Publik findet, der Fall Defregger "traf weite Kreise des deutschen Katholizismus wie ein Schock, der die Sprache verschlägt".