Von Wolfram Siebeck

Unlängst meditierte im Münchner Merkur der Akademiepräsident Hans Egon Holthusen über die politische Anstößigkeit des Gartenzwergs. Das Monstrum sei nicht auszurotten; in New York und Chicago blühe sein Weizen so gut wie in Inning am Ammersee.

Ob das mit New York und Chicago stimmt, läßt sich von hier aus nicht so einfach überprüfen. Aber zufällig fuhr ich vor einigen Tagen durch Inning am Ammersee. Noch vor dem Ortseingang sah ich rechter Hand (ich kam von Seefeld am Pilsen-See; in Bayern sind die Seen so zahlreich wie Gartenzwerge und ebenso schwer auszurotten), rechts also lag ein Weizenfeld, groß und nicht zu übersehen. Blühte allerdings nicht. Immerhin, dachte ich, hier siehst du mal den Weizen des Gartenzwergs in natura.

Herr Huber, der Bauer am Rande des Feldes, ein stattlicher Zwerg von fast 1,90 Meter und ohne die Insignien seines Standes (langer Bart, rote Zipfelmütze, Pfeifchen) versicherte mir mehrfach, daß es sich um seinen Weizen handele, Sommerweizen, hagelversichert, und überhaupt sei ich wahrscheinlich einer Verwechselung zum Opfer gefallen. Nein, einen Gartenzwerg hätte er nicht, wüßte auch keinen in der Nachbarschaft zu nennen. Das machte mich stutzig.

Langsam fuhr ich die Vorgärten entlang, sah blühende Rosen, Rittersporn und Rettich; Katzen, Amseln und hin und wieder eine sabbernde Muhme, aber Gartenzwerge entdeckte ich nicht. Schon kamen mir Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Präsidentenwortes, da sah ich am Ortsausgang in Richtung Grafrath, im Vorgarten des Schuhmachermeisters Huber (auch die Hubers sind zahlreich in Bayern) drei rote Zipfelmützen leuchten. Eine Gewaltbremsung, und ich stand vor ihnen.

"Freunde", rief ich über den Gartenzaun, "wo blüht hier euer Weizen?"

Der älteste nahm das Pfeifchen aus dem Mund und deutete mit dem Daumen in eine Gartenecke. "Wenn du Hasch meinst, Kollege, der wächst da hinten hinterm Holunder. Ist noch nicht reif; wir haben aber von der letzten Ernte noch ..."