Von Klaus Martens

Die Kirche ist ins Gerede gekommen. Auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart wurde zuletzt ebenso wie auf der katholischen Bischofstagung im schweizerischen Chur um Reformen gerungen. Daneben beschäftigt sich die Öffentlichkeit in zunehmendem Maße mit dem Finanzgebaren der Kirchen, das von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben ist. Klaus Martens hat versucht, in einer Untersuchung „Wie reich ist die Kirche? – Der Versuch einer Bestandsaufnahme in Deutschland“ den Schleier zu lüften. Aus seinem Buch, das Mitte September in der mvg – moderne verlags gmbh, München – erscheint, veröffentlichen wir Auszüge.

Wenn hier von der „Kirche“ die Rede ist, sind damit die 20 evangelischen Landeskirchen oder „Gliedkirchen“ und die 24 katholischen Bistümer oder Diözesen – sie sind im Verband der Diözesen Deutschlands zusamengefaßt –, einschließlich der unterstellten Gemeinden, gemeint.

Wie viele Menschen sind aktive Mitglieder der Kirche? Lassen wir nur kurz die Statistik über die Gläubigen sprechen. Von der Bevölkerung der Bundesrepublik und Westberlins sind 51,1 Prozent evangelischen und 44,1 Prozent katholischen Glaubens. Zusammen sind dies 95,2 Prozent. Zur jüdischen Religionsgemeinschaft bekennen sich 0,04 Prozent. Für 4,1 Prozent der Bevölkerung nennt die Statistik Volks- und Weltreligionen, christlich orientierte Sondergemeinschaften, freireligiöse und weltanschauliche Gemeinschaften sowie Gemeinschaftslose. Keine Angaben liegen für den Rest der Bevölkerung vor.

Die römisch-katholische Kirche ist vielleicht die älteste, bestimmt aber mit weit über einer halben Milliarde Gläubigen die größte Organisation der Welt. Offiziell werden vom Heiligen Stuhl keine Angaben darüber gemacht, wo katholische Vermögen liegen und welchen Wert sie repräsentieren. Die vatikanischen Finanzen und Bilanzen sind und bleiben ein Buch mit sieben Siegeln, ein so penetrant gehüteter Geheimnisbericht, daß man schier glauben könnte, es gelte Ungeheuerlichkeiten zu verbergen.

Zuletzt im Jahre 1966 sprach Papst Paul VI. von „unseren begrenzten finanziellen Mitteln“. Seinerzeit erklärten Vatikanbeamte, sie seien „tief besorgt über die Zukunft der Finanzen“. Nach der vatikanischen Zeitung Osservatore Romano ist in verschiedenen Darstellungen über die Finanzen des Vatikans „sehr freigiebig mit den Nullen“ umgegangen worden.

Das amerikanische Magazin „Time“ beziffert den „Reichtum“ der gesamten katholischen Kirche auf umgerechnet 40 bis 60 Milliarden Mark. Das renommierte britische Wochenblatt „Economist“ schätzt, daß der Heilige Stuhl allein über Wertpapiere im Wert von über 20 Milliarden Mark verfügt. Andererseits schätzt Corrado Pallenberg in seinem Buch „Vatican Finances“ (Die Finanzen des Vatikans), daß über zwei Drittel, womöglich sogar drei Viertel des Kirchenkapitals in Italien festliegen.