Die überraschende Abwertung des französischen Franc am 12,5 Prozent hat die Sommerpause in den Hauptstädten der westlichen Welt wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel unterbrochen und den EWG-Agrarmarkt für zwei Jahre blockiert.

Der Ministerrat der Sechsergemeinschaft beschloß nach neunzehnstündiger Beratung am Dienstagfrüh, daß die Preise für 200 landwirtschaftliche Erzeugnisse Frankreichs, die an sich EWG-Marktordnungen unterliegen, von der Abwertung des Franc für ein Jahr unberührt bleiben sollen, dann aber bis 1971/72 stufenweise an das höhere Preisniveau angeglichen werden müssen, das sich aus der Änderung der Währungsparität ergibt. Da Frankreich während dieser Zeit im Verhältnis zu den einheitlichen EWG-Agrarpreisen, die in den fünf Partnerländern gelten, ein Niedrigpreisland sein wird, muß es Ausgleichsmaßnahmen bei den landwirtschaftlichen Ein- und Ausfuhren treffen.

Auf Drängen der SPD berief Bundeskanzler Kiesinger die Bundesregierung für Mittwoch ein, um die neue Währungslage zu beraten. Beide Koalitionspartner werteten den Schritt der französischen Regierung jeweils als Bestätigung für ihre währungspolitischen Auffassungen. An den Börsen wurde weder mit einer baldigen Aufwertung der deutschen Mark noch mit einer Abwertung des Pfundes gerechnet. Allerdings floß wieder internationales Fluchtgeld in Richtung Bundesrepublik, der Mark-Kurs zog kräftig an.

Mehr als die Hälfte der Franzosen – einschließlich der Opposition – befand sich in den Ferien, die Banken in Europa hatten ihre Schalter bereits geschlossen, als Staatspräsident Pompidou, Premierminister Chaban-Delmas und Finanzminister Giscard d’Estaing die französische Bevölkerung am Freitagabend voriger Woche über das Fernsehen von ihrer Entscheidung unterrichteten. Freude bei den deutschen Touristen in Frankreich: Der Wert ihrer Devisen erhöhte sich um 12,5 Prozent: Furcht und Sorgen bei den Franzosen: Ihre Lebenshaltungskosten, die binnen Jahresfrist bereits um sieben Prozent geklettert waren, könnten. jetzt um weitere drei bis zehn Prozent steigen.

Die größte französische Gewerkschaft CGT drohte sogleich: "Die Regierung begeht einen Fehler, wenn sie glaubt, im Schutz der Ferien ungestraft ihre Tiefschläge gegen die Arbeiter führen zu können." Die französische Regierung sieht die Franc-Abwertung jedoch als ersten Schritt zur allmählichen Sanierung der gesamten Volkswirtschaft. Ein rigoroser Preisstopp, energische Abstriche an den Staatsausgaben und andere "flankierende Maßnahmen", die die Regierung bis zum 15. September ausarbeiten will, soll die Bevölkerung vor sozialen Härten schützen und die positive Wirkung des Währungschnitts voll zur Geltung kommen lassen.

Der Entschluß der französischen Regierung, den Franc abzuwerten, ist die verspätete Quittung für die Maiunruhen von 1968: Damals war das Lohnniveau durchschnittlich um 15 Prozent emporgeschnellt, die Importüberschüsse Frankreichs nahmen seither beständig zu, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit wurde ruiniert. Innerhalb eines Jahres verlor Frankreich fünf Milliarden Dollar an Gold und Devisen.

Während de Gaulle eine Abwertung des Franc noch im November vorigen Jahres als "schlimmste Absurdität" bezeichnet hatte, entschloß sich sein Nachfolger, der ehemalige Rothschild-Bankier Pompidou, schon vor einem Monat zum Handeln. Bereits am 16. Juni hatte der Finanz- und Wirtschaftsminister dem Staatspräsidenten die Abwertung vorgeschlagen, eine Woche später standen die Modalitäten fest. Bis zum Freitag voriger Woche, den viele Franzosen als "schwarzen Freitag" empfinden, waren nur acht Personen über den bevorstehenden Währungsschnitt informiert – ein Meisterstück geheimer Finanzpolitik.