Von Waldemar Besson

Arnulf Baring: "Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie; Bonns Beitrag zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft"; Schriften des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Band 28. R. Oldenbourg Verlag, München und Wien 1969, 492 Seiten, brosch. 28 Mark, Ln. 38 Mark.

Konrad Adenauer hat wie kein anderer den Anfang der Bundesrepublik geprägt. Das ist eine Binsenwahrheit. Aber schon weniger klar ist, wie er das tat, und noch umstrittener, welche Hypotheken seine Politik den Deutschen auferlegt hat. Die Legendenbildung in positiver wie in negativer Absicht ist in vollem Gange. Es steht zu fürchten, daß der größere Abstand weit weniger aufhellen als verdunkeln wird. Immer unterschiedlicher werden die Gladiatoren, die mit dem Schlachtgeschrei "Adenauer" in den Kampf ziehen.

Die Wissenschaft hat in diesem Streit, der ständig an die politischen Grundlagen und an das Selbstverständnis der Bundesrepublik rührt, eine wichtige Aufgabe. Sie muß gleichsam gegensteuern, objektivierende Elemente einfügen, indem sie Maßstäbe und Fakten anbietet, an denen auch der subjektivste Beobachter nicht vorbeigehen kann. Unter diesem Gesichtspunkt hat Arnulf Baring ein bedeutendes Werk verfaßt, das dem wissenschaftlichen wie politischen Gespür seines Autors alle Ehre macht.

In jahrelanger Forschung hat er ein ungeheures Material zusammengetragen, das in Anmerkungen allein ein Drittel des Buches füllt und dessen volle Verarbeitung im Text leicht mehrere Bände hätte geben können. Aber der Verfasser hat seinen Gegenstand wohl auch nicht überschätzen wollen. So ist ein lesbares Buch entstanden, aber man bedauert trotzdem, daß manches faszinierende Kapitel nun im kleinen Druck des wissenschaftlichen Apparats dahindämmert. Baring hat viele Leute befragt und dabei viel vertrauliches Papier gesehen. Daß er vieles davon nicht als zitierfähige Quelle nutzen konnte, ändert nichts am Urteil sorgfältiger historischer Akribie und loyaler Diskretion gegenüber seinen Informanten.

Zeitgeschichte zu schreiben war freilich nicht die Absicht des Verfassers. Er wollte eine "Fallstudie" bieten, um den außenpolitischen Entscheidungsprozeß der Bundesrepublik aufzuhellen. Deswegen ist der Titel auch irreführend. Der Leser erfährt die Bonner Vorgeschichte der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und der Ablösung des Besatzungsstatuts. Wie Adenauer verfuhr, wer seine Freunde und Feinde waren, das ist Barings Gegenstand. Das rückt natürlich die Person Adenauers in den Mittelpunkt, mit ihren politischen Tugenden und Lastern, ihrer unerschöpflichen Fähigkeit zu Tricks und Winkelzügen. Wenn die große, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biographie Adenauers einmal geschrieben werden wird, wird ihr Verfasser Dankgebete für Arnulf Barings Vorarbeit zum Himmel senden.

Er wird freilich auch feststellen, daß bei den Schlußfolgerungen Barings Vorsicht geboten ist. Zwei Stellen will ich vor allem anstreichen: Adenauers Weltbild einfach auf Köln zu reduzieren ist zu plausibel, als daß es auch stimmen könnte. Adenauers Verhältnis zu Bismarck und der preußisch-deutschen Tradition erscheint so unkompliziert negativ, daß man vermutet, so naiv könne selbst Adenauer nicht gewesen sein.