Theodor Adornos letzte Arbeit ist nun also die gewesen, die vor wenigen Wochen in der ZEIT gedruckt wurde: der Aufsatz zur Verteidigung der Kritik. Am 6. August starb er, während eines Urlaubs in der Schweiz, in Brig an einem Herzinfarkt.

Dennoch, auch heute noch einmal können wir diesen Philosophen, der wie kein anderer zeitgenössischer deutscher Denker Spuren in unser aller Bewußtsein hinterlassen hat, Spuren, die nicht auslöschbar sein werden, der auch für uns Nicht-Philosophen, die wir seinem angestrengten Denken nur zu oft nicht gewachsen waren, so vieles hell gemacht hat, indem er die Finsternis auf Begriffe brachte – dennoch können wir ihn auch heute noch einmal mit seinen eigenen Worten zu unseren Lesern sprechen lassen und müssen uns nicht begnügen mit nekrologischen Umschreibungen. Wir veröffentlichen auf Seite 10 seine bisher unpublizierten Marginalien zu dem Verhältnis von Theorie und Praxis – leider, aus Mangel an Platz, nur in Auszügen; der gesamte, reichlich doppelt so lange Text wird zusammen mit zehn älteren und neueren Arbeiten in dem Band enthalten sein, der im September unter dem Titel "Stichworte" in der "edition suhrkamp" erscheinen soll.

Für besonders bedeutsam halten wir gerade diesen Aufsatz Adornos, weil er sich unmittelbar eben jenen Fragen stellt, um deretwillen er, spätestens seit er die Polizei gegen jene Studenten zu Hilfe holte, die sein Institut besetzt hatten, seit er von einigen seiner Studenten öffentlich verhört und verhöhnt wurde, in der letzten Zeit so vielen aus Enttäuschung entstandenen Angriffen und Verdächtigungen ausgesetzt war – den Fragen nach dem Verhältnis seiner Person und seines Denkens zu der revolutionären Bewegung der Neuen Linken und deren Aktionen.

In der Einleitung zu seinem Buch "Protestbewegung und Hochschulreform", das für viele von uns zu einer Art Kompaß geworden ist, schrieb Jürgen Habermas: "Die Tendenz, der (Adornos) beharrliches Denken stets gefolgt ist, hat sich nur versteift: er spürt den Repressionen des gesellschaftlichen Zwangszusammenhangs entlang den Entstellungen des objektiven Geistes gleichsam inwendig nach. Die Bezwingung des Labyrinths ist eher das Ziel dieser hermetischen Anstrengung als ein handfestes Praktischwerden der Philosophie ... Wenn Horkheimer und Adorno ein Versäumnis vorzuhalten wäre, dann allein die Ungewißheit, in der sie andere, darüber gelassen haben, ob sie jene defensive Pragmatik genauso triftig aus theoretischen Einsichten wie aus nur zu gut fundierten lebensgeschichtlichen Erfahrungen gewonnen haben."

Die völlige Beseitigung dieser Ungewißheit können Marginalien natürlich noch nicht leisten. Immerhin, ein gutes Stück dieses Wegs gehen sie, und zwar weitaus differenzierter und unmißverständlicher als das Interview, das Adorno dem "Spiegel" vor mehreren Wochen gab und dessen improvisatorischer Charakter mehr Fragen aufwarf als beantwortete.

Adorno war ein Mann des geschriebenen Wortes und nicht heimisch in einer Gegend, wo man sich vorzugsweise über Megaphone verständigt. In diesen Marginalien artikuliert sich das Dilemma eines Denkers, dessen kritische Analysen auf eine revolutionäre Praxis hinausliefen und der, als eine Praxis aufkam, die sich mit Recht gerade auch auf ihn berief, sich dieser nicht restlos überantworten konnte, sondern erschreckt vor ihr zurückwich, weil er seine Illusionslosigkeit nicht plötzlich so weit suspendieren konnte, daß er ihr den direkten Weg zu dem immer von ihm gemeinten humaneren Leben zutraute. Er hat nicht die "verraten", die so viel von ihm gelernt haben; er ist nur seinem Denken treu geblieben, das das Unvollkommene nie, auch nicht aus Taktik, vollkommen nennen konnte. Die sich "verraten" fühlten, hatten ihn nur zu eng verstanden.

Das Adorno-Photo auf dieser Seite wurde 1967 von einer Verwandten von ihm aufgenommen; er nannte es das "einzig vernünftige", das von ihm gemacht wurde.