"Herzliche Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen" haben die zweitägige Visite von Bundeskanzler Kiesinger bei US-Präsident Nixon in Washington ausgezeichnet. Die wegen dringender Verpflichtungen des Präsidenten dreimal verschobene Kanzlerreise bestätigte "das weitgehende Verständnis und die enge Übereinstimmung der Interessen zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik". Sie wurde überschattet von der ABM-Entscheidung des amerikanischen Senats und der Abwertung des französischen Franc.

Große Probleme gab es in den beiden Gesprächen, die Nixon und Kiesinger führten, ohnehin nicht zu lösen – der ärgste Stein des Anstoßes im deutschamerikanischen Verhältnis, der Devisenausgleich für die in der Bundesrepublik stationierten US-Truppen, war bereits vorher aus dem Weg geräumt worden. So konnten sich die beiden Politiker auf eine weltpolitische Tour d’horizon begeben, die Probleme der Abrüstung und des Atomwaffensperrvertrages, die Ost-West-Beziehungen, die Berlin-Frage, das innerdeutsche Verhältnis, die Zukunft von NATO und EWG, Vietnam und Nahost berührte. Außerdem unterrichtete Nixon den Kanzler über seine Reise durch Asien und den Besuch in Bukarest.

Als Ergebnis hielten die beiden Politiker fest, daß

  • nach London und Moskau nun auch Bonn durch einen "heißen Draht" mit Washington verbunden werden soll,
  • die USA bei den bevorstehenden Gesprächen mit der Sowjetunion über die Begrenzung der strategischen Waffen die "Interessen ihrer Verbündeten voll berücksichtigen" wird,
  • diese Gespräche und "die Entstehung eines für die Regelung seit langem anstehender europäischer Probleme günstigen Klimas Hand in Hand, gehen" sollen,
  • Washington die Bemühungen Bonns um eine Milderung der deutschen Teilung unterstützen wird, auch wenn die Aussichten der westalliierten Berlin-Initiative skeptisch eingeschätzt wurden,
  • der europäische NATO-Bereich von allen amerikanischen Truppenreduzierungen ausgenommen und die Hilfsquellen der Mitgliedstaaten, "für die Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen" mobilisiert werden sollen.