"An die Wand gestellt"

Von Dietrich Strothmann

Was am 10. Juni 1941 in dem tschechischen Dorf Lidice geschah, ist bekannt: 192 Männer wurden von einem SS-Kommando erschossen, die Frauen und Kinder in Konzentrationslager verschleppt, die Häuser in Schutt und Asche gelegt. Bekannt ist auch, warum es dazu kam: zur "Strafe" für das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Heydrich. Diese Rachetat war ein Kriegsverbrechen.

Was sich am 10. Juni 1944 in dem französischen Ort Oradour zutrug, ist aktenkundig: 642 Bewohner, darunter 241 Frauen und 202 Kinder, wurden von einem Kommando der SS-Division "Das Reich" erschossen oder bei lebendigem Leibe verbrannt, die Häuser bis auf die Grundmauern zerstört. Umstritten ist bis heute, warum das geschah: In der Nähe eines Dorfes Oradour – es gibt drei dieses Namens – sollen deutsche Soldaten von Angehörigen der französischen Untergrundbewegung, des Maquis, getötet worden sein. Auch diese Vergeltungstat war ein Kriegsverbrechen. Von einem französischen Gericht ist der Divisionskommandeur, der damalige SS-General Lammerding, in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Lammerding lebt heute als wohlhabender Bauunternehmer in Düsseldorf. Die Franzosen betreiben die Wiederaufnahme seines Prozesses vor einem deutschen Schwurgericht.

Lidice und Oradour waren – wenngleich Taten im Rahmen von Kriegshandlungen – Mordverbrechen. Die Juristen nennen sie "echte Kriegsverbrechen". Sie überstiegen jedes Maß, waren grausam und heimtückisch.

Wie ist, im Verhältnis hierzu, das zu beurteilen, was bisher über den Fall des Münchner Weihbischofs Matthias Defregger bekannt wurde? Der ehemalige Hauptmann ließ 1944 in dem italienischen Dorf Filetto zur Sühne für einen Partisanenüberfall 17 Männer erschießen. Nach allem, was bisher über ähnliche Vorgänge bekannt wurde, wird es gegen ihn zu keiner Hauptverhandlung kommen. Vor deutschen Gerichten hat es bis heute noch keinen Partisanenprozeß gegeben. "Normale" Kriegsverbrechen – Erschießung von Geiseln oder Repressalgefangenen – sind nach aller Erfahrung nicht justiziabel. Dafür sind vor allem drei Gründe maßgebend:

1. Es wird allgemein berücksichtigt, daß jeder Krieg sich seine Rechtsbegriffe schafft. Der Guerillakampf, ob in Vietnam oder im Nahen Osten, fordert entsprechende Vergeltungsmaßnahmen heraus. Seit dem Zweiten Weltkrieg verlangen Partisanen, daß sie als reguläre Streitmacht anerkannt werden.

2. In den Urteilen des Nürnberger Militärgerichtshofes und im Genfer Abkommen von 1949 werden Kriegsverbrechen aufgezählt. In den Kodifikationen des Kriegsrechts aber gibt es keine Definition des Kriegsverbrechens. Wo das "normale" Kriegsverbrechen aufhört und das "echte" beginnt, ist in der Rechtsprechung zweifelhaft. Die Untaten aus der Zeit des Dritten Reiches haben überdies gelehrt, daß die Grenzen zwischen den Gewaltverbrechen ("Endlösung") und den Kriegsverbrechen fließend sind. Beispiel: die "Auflösung" des Warschauer Gettos.

"An die Wand gestellt"

3. In der Regel wird bei der Behandlung von "normalen" Kriegsverbrechen der Grundsatz "tu quoque" angewandt. Da die andere Seite Kriegsverbrechen begangen hat (Luftkrieg gegen offene Städte, Massenerschießungen von Geiseln), wird das bei der Verfolgung eigener "Kriegsverbrecher" als Strafausschließungsgrund angesehen.

Trotz des Genfer Abkommens von 1949, das nicht nur die Erschießung, sondern schon das "Festnehmen von Geiseln jederzeit und überall" verbietet, ist es in den modernen "Volkskriegen" nach Maos Muster, die eine Steigerung des Partisanenkampfes darstellen, üblich geworden, die Repressal- oder Sühnegefangenen zur Abschreckungoder zur Vergeltung kollektiv zu liquidieren.

Zum Mord in der äußersten Form des Genocid wurde die Partisanenbekämpfung im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage" Hitlers. Diese Fälle werden, da sie Gewaltverbrechen waren, neuerdings auch von der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen verfolgt, die nicht in Kriegsverbrechen ermittelt. Zahlreiche Befehle Hitlers, des Oberkommandos der Wehrmacht und einzelner Generale, dazu eine Fülle von "Ereignismeldungen" der SS-Einsatzgruppen und der speziellen "Partisanen-Jagdkommandos" beweisen, daß die Partisanenbekämpfung auch der Völkervernichtung galt Dabei sind zwei Formen zu unterscheiden:

  • Der "einspurige" Partisanenkampf, der unter dieser Tarnung allein zur Judenvernichtung geführt wurde.
  • Der "zweispurige" Partisanenkampf, bei dem "nebenbei" auch Juden liquidiert wurden.

Zu Beginn des Rußlandfeldzuges hatte Hitler erklärt: "Der Partisanenkrieg gibt uns die Möglichkeit auszurotten, was sich gegen uns stellt." Dazu gehörten auch die Juden – und zwar nicht nur jene, die vor den SS-Vernichtungskommandos bei den Partisanen Schutz suchten und daher als "nach Kriegsbrauch zu behandelnde Freischärler" galten. Juden wurden damals generell als "Bandenmitglieder, Bandenverdächtige, Banditen, Banditenhelfer" eingestuft.

Worauf es den Einsatzgruppen wie den Jagdkommandos in erster Linie ankam – der Massenmord an Juden –, beweist die Meldung Nr. 51, die Himmler über die "Bandenbekämpfung" Hitler erstattete:

1. Banditen

"An die Wand gestellt"

a) festgestellte Tote nach Gefechten 1 337

b) Gefangene sofort exekutiert 737

c) Gefangene nach längerer, eingehender Vernehmung exekutiert 7 828

2. Bandenhelfer und Bandenverdächtige

a) festgenommen 16 553

b) exekutiert 14 257

c) Juden exekutiert 363 211

"An die Wand gestellt"

Die Zahl der liquidierten Juden übertraf demnach bei weitem die Zahlen der übrigen Getöteten.

Aus jugoslawischen Archiven stammt auch ein Dokument, das in der Ludwigsburger Aufklärungszentrale aufbewahrt wird. Danach wurden in einer jugoslawischen Stadt zur Vergeltung von einem deutschen Kommando 1000 Gymnasiasten erschossen. Das ist die höchste Zahl von Toten einer Vergeltungsaktion, die den Ludwigsburger Fahndern bisher bekannt wurde.

So, wie es auch Einzelfälle gab, wo sich Exekutionsführer weigerten, Zivilisten zur Sühne für einen Partisanenüberfall zu erschießen, geschahen auch Taten, wo die Schuldfrage nicht eindeutig geklärt werden kann. 1955 stand vor einem Kölner Schwurgericht der ehemalige Polizeiführer Schäfer. Ihm wurde die Erschießung von Juden zur Last gelegt, begangen in Serbien. Die Verhandlung ergab, daß er den Befehl hatte, zur Vergeltung im Partisanenkampf jugoslawische Geiseln zu liquidieren. Er aber ließ Juden erschießen, mit der Begründung, sie seien ausnahmslos zur "Vernichtung" bestimmt. Die gefangenen Jugoslawen wurden dafür geschont.

Für einen Fall wie Lidice gilt unzweifelhaft die Maxime des französischen Rechtsgelehrten Pillet: "Im Kriege sind nicht alle Maßnahmen gut, nur weil sie wirksam sind." Aber gilt sie nicht auch, in ihrer moralischen Konsequenz, für Filetto?