Berlin

Vierundsechzig private Einzelhändler im Dienste einer guten Versorgung", so steht es an der neuen Markthalle am Alexanderplatz, die seit Jahresbeginn eine der wichtigsten Einkaufsstätten der Ost-Berliner Innenstadt ist. Hier kaufen die kleinen Leute: Filzlatschen, Gardinenstangen, Schrauben und Knöpfe, Briefbogen, Papierblumen, Kittel und Schürzen, Tassen, Werkzeuge, Gemüse, Bier und Schnaps. Im Angebot hat die neue Markthalle die Tradition ihrer Vorgängerin fortgesetzt, die in unmittelbarer Nähe vom Mai 1886 bis zum Dezember 1968 Treffpunkt der Hausfrauen und Arbeiter dieser Gegend war. Nicht nur zum Einkaufen: kam man in diesen säulenverzierten wilhelminischen Bau, der einem Bahnhof ähnlicher als einer Markthalle war, sondern auch zum Klatsch mit den Marktfrauen, zum Biertrinken oder Brüheschlürfen.

So viel anders ist es in der neuen Markthalle auch nicht. Natürlich hat hier der "Konsum" ein Selbstbedienungsgeschäft für Lebensmittel eingerichtet, aber die kleinen privaten Händler dominieren. Doch es fehlt die Marktschreieratmosphäre, die Biergemütlichkeit, die sich unter schummerigen Lampen ausbreitete, es fehlt die Altberliner Vertraulichkeit, mit der mancher schnauzbärtige Bürstenverkäufer oder Fischhändler seine Kunden ungeniert duzte. An die neue Halle müssen sich die Berliner erst noch gewohnen. Hier ist alles zu glatt und zu neonhell.

Und es fehlen in der neuen Halle auch die alten Ur-Berliner Namen, die bislang die Stände der Händler zierten: Frieda Kobbelt, Willi Krüger, Brigitte Seume oder Margarete Pollak hier ßen sie. Heute sind sie namenlos und auf diese Weise, obwohl sie sich ihre private Existenz erhalten haben, doch zum Kollektiv von vierundsechzig privaten Einzelhändlern geworden. "Pantoffel" steht nur an der Front der kleinen Basare, oder "Käse", "Werkzeuge", oder "Früchte". Auch "Zuchtbedarf" und "Zierpflanzen" werden angeboten. Und an den Imbißständen gibt es zum Beispiel Bockwurst für 80, Wiener Dampfwurst für 85 und eine Thüringer Schlachtplatte (100 Gramm Blut- und Leberwurst) für 62 Pfennige.

Die Ost-Berliner Markthalle am Alexanderplatz gehört zu den Renommierbauten der Stadtplaner, die die Stadtmitte bis zum 20. Jahrestag der DDR in zwei Monaten verschönt und erneuert haben wollen. Deshalb werden die Markthallenhändler auch pünktlich und reichlich beliefert. Das Angebot sieht passabel aus. Rotkohl gibt es, Blumenkohl, Tomaten, Mohrrüben, Rettiche, sogar Schnittblumen, die sonst eine Rarität sind, und so viele Käsesorten wie hier findet man kaum woanders in Ost-Berlin. Daß es in diesen heißen Tagen an Weißbier fehlt und an Limonade, das ist keine Besonderheit der Markthalle. Ein Maler, der in den Neubauten am Alexanderplatz beschäftigt ist, weiß zu berichten, die Putzer "fehlen auf dem Bau wie jetzt die Brause bei der HO". Und die satirische Zeitschrift "Eulenspiegel" zeigt das Photo von einem Mann mit Eimer und Kelle und kommentiert: "Herr Ludwig H., der sich im Februar in weiser Voraussicht einen Vorrat Waldmeisterbrause eingemacht hatte, ist jetzt fein raus, herzlichen Glückwunsch."

Beglückwünschen muß man in Ost-Berlin fast jeden, der beim Einkaufen das bekommt, was er sucht. Denn die Geschäfte sind zwar voller Ware, aber wer etwas Bestimmtes braucht, wird oft enttäuscht. Selbst Malzbonbons – oder Seifenbehälter für die Badewanne sind oft wochenlang nicht zu haben, und manchmal findet man Pfeifenkessel ohne Pfeifen, dann wieder nur die Pfeifen.

Wenig Glück hat man auch, wenn man bestimmte Bücher sucht, die irgendwo zwischen Zensur, Druckerei und Auslieferung hängengeblieben sind. Christa Wolfs "Erinnerungen an Christa T." kennen die DDR-Bürger nur aus den vielen kritischen Rezensionen, im Buchhandel ist das Buch nicht. Der zweite Band der "Politischen Ökonomie" des polnischen Wissenschaftlers Oskar Lange erscheint ebenfalls nicht, nachdem der erste eine schlechte Presse hatte. Und die Autobiographie des früheren Ministers und stellvertretenden Vorsitzenden der staatlichen Plankommission, des 1958 wegen "Managertums" gemaßregelten Fritz Selbmann, in den dicken Buchhändlerkatalogen erst für April, dann für Mai, dann für Juni angekündigt, hat auch noch nicht das Licht der DDR-Buchwelt erblickt. Selbmann hatte sich zwar selbst kritisiert und bekam später wieder einflußreiche Posten, seine Vergangenheit hat er jedoch anscheinend noch nicht ausreichend bewältigt.